Paris Der Herbst geht zu Ende, und die französische Linkskoalition wird ihn heil überstehen. Das war beim Start im Juni gar nicht so sicher. Kommunisten, Grüne und andere Kleingruppen haben Ausbruchs- und Sabotageversuchen widerstanden. Die linken Flügel der Koalition nehmen die absehbare Einführung des Euro hin, und sie akzeptieren die Fortsetzung der Privatisierungen. Die Regierung ist handlungsfähig, der Premierminister bis weit in das konservative Lager hinein beliebt. Lionel Jospin hat sich ein Klima geschaffen, in dem er durchaus Politik machen kann.

Für Europa ist das nur mittelbar von Belang - so wie umgekehrt auch Europa für Jospin kein Herzensanliegen zu sein scheint. Obwohl er ursprünglich aus dem diplomatischen Dienst kommt, also gerade in der Außenpolitik klare Ideen haben sollte, ist Jospin in dieser Frage nicht recht einzuordnen.

Innenpolitisch mag das von Vorteil sein.

Außenpolitisch sorgte Jospin jedoch gleich nach der Regierungsbildung für heftige Turbulenzen: Die Währungsunion schien in ihrer Essenz zur Disposition gestellt - als sei ihre Grundlage nicht zu Zeiten François Mitterrands von Politikern mitentworfen worden, die jetzt zu Lionel Jospins Regierungsmannschaft gehören. Oder waren die Einwände vor dem Treffen von Amsterdam bloß eine Art Nachhall des Wahlkampfs?

Die Fortsetzung der europäischen Konstruktion ist Jospin ein Anliegen aus Vernunft, dafür spricht die große Zahl seiner Mitarbeiter, die längere Zeit in Brüssel gearbeitet haben. Eine Vision, die über die Weiterführung des laufenden Geschäfts hinausgeht, hat er bislang nicht angedeutet. Den Osteuropäern gegenüber hat er sich dieser Tage sogar äußerst ungeschickt verhalten, als er - aus innenpolitischen Gründen - betonte, wie stolz er auf die Regierungsbeteiligung der Kommunisten sei.

Jospins Denken und Handeln kreist um Frankreich. Er ist ein Kind der republikanischen Meritokratie, ein Mann, dem die Republik die Mittel gegeben hat, sich an ihre Spitze emporzuarbeiten. Einer seiner ersten Auftritte nach dem Wahlsieg im Juni, eine Rede vor den europäischen Sozialisten in Malmö, war stark national gefärbt. Das "Europa der Linken", das sein sozialistischer Vorgänger Michel Rocard mit Hilfe der französischen Wahlergebnisse herandämmern sah, wirkte auf einmal jedenfalls sehr fern.

Immerhin ist auf französisches Drängen ein europäisches Gipfeltreffen mit einem traditionell eher linken Thema zustande gekommen: Der Beschäftigungsgipfel von Luxemburg an diesem Wochenende. Allerdings sind davon nur wenig konkrete Ergebnisse zu erwarten. Luxemburg, so tröstet man sich in Jospins Umgebung, werde indirekt nützlich sein - weil es allen Linken in Europa offenbare, wie weit der Weg zu einer wirkungsvollen gemeinsamen Sozial- und Beschäftigungspolitik sei und wo die Schwächen lägen.