Ein guter Ruf eilt dieser Stadt in Estland nicht gerade voraus: Provinziell sei sie. Rückständig. Bedächtig. Allzu bodenständig. Tartu, die ewig zweite. Oder gar dritte. In Tallinn, der Hauptstadt, ja, da wirbelt's im neuen Geist, dem europäischen. Aber in Tartu? Wo liegt das eigentlich?

Tartu liegt zwischen 700 Jahren deutsch-baltischer Herrschaft und 50 Jahren sowjetischer Okkupation am Fuße des Spätkapitalismus. Zwischendurch fließt der Embach, auf estnisch Emajägi, aber das nimmt man hier nicht so genau.

Tartu sagen die Esten, Dorpat sagen die Deutschen. Nur das russische Jurjew, das soll der Vergangenheit angehören. Tartu liegt im Herzen von Estland. Und im Südosten des Staates.

So einen Sommer gab es hier lange nicht: Er verführte zu den knappesten Shorts, den kürzesten Minis, den gewagtesten Ausschnitten. Mit artistischem Geschick balancierten die Frauen mit den hochhakkigsten Schuhen, von Stöckel bis Plateau, über das Kopfsteinpflaster auf dem Rathausmarkt. Kaum ein deutscher Birkenstock war zu sehen. Touristen, vor allem Finnen, blieben in Tallinn hängen, wo die billige Einkaufsware und der Alkohol direkt an der Fähre aus Helsinki zu haben sind.

Allein der Blick vom Rathaus aus über den in gerader Achse angelegten Platz ist die schiere Augenlust: Die klassizistischen Fassaden der Häuser verengen sich perspektivisch bis hinunter zur Fußgängerbrücke über den Emajägi. Ende des 18. Jahrhunderts hatte hier ein Feuer alles zerstört. Die Architekten haben danach den Innenstadtkern vom Domplatz bis zum Fluß modern geplant.

Allerdings brauchten die Häuser stützende Holzpfähle zur Verankerung in dem morastigen Untergrund.

Jetzt faulen diese hölzernen Fundamente wegen des absinkenden Grundwassers vor sich hin - und lassen die Gebäude, darunter das Rathaus und die Universität, langsam absinken. Das "schiefe Haus" am Rathausplatz ist schon jetzt schiefer als der Turm von Pisa und gibt ein beliebtes Photomotiv ab.