Schwarzbuch des Kommunismus" - wer sich unter diesem Titel des soeben in Frankreich erschienenen Werkes nichts Konkretes vorstellen kann, den klärt die Unterzeile über den Inhalt der folgenden achthundert Seiten auf: "Verbrechen, Terror, Unterdrückung", die Taten kommunistischer Regime in aller Welt, von China bis Polen, von der Sowjetunion bis Kambodscha. Daß dieses Buch bereits eine heftige Debatte in Frankreich ausgelöst hat, liegt - unentwirrbar verknüpft - an der Sache und an einer Person: Stéphane Courtois, der das eigenwillige Vorwort zum "Schwarzbuch" schrieb und die Gruppe der Forscher leitet, deren Beiträge abgedruckt sind. Einige der insgesamt elf Autoren, die aus verschiedenen linken Gruppierungen stammen, distanzieren sich öffentlich von Courtois' Einleitung. Ein wesentlicher Streitpunkt ist sein Umgang mit Zahlen.

Der Historiker beruft sich auf "persönliche Schätzungen", wenn er die Toten beziffert, die "der" Kommunismus weltweit als "Massenverbrechen" zu verantworten habe. Abwechselnd spricht er von 65, 85, 90 oder "vielleicht auch 100 Millionen Opfern".

Doch dies ist nur ein Indiz für das Niveau der Einleitung. Darüber hinaus entwickelt Courtois Thesen, die vielen Ergebnissen der anderen, vorsichtig abwägenden Forscher "explizit widersprechen", wie etwa die Mitautoren Nicolas Werth und Jean-Louis Margolin kritisieren. Während diese sich als Historiker verstehen, begreift sich Courtois nach eigenem Bekunden als "Historiograph der Lüge". Er hantiert mit einem Sammelsurium von propagandistischen Vereinfachungen, die das ganze Unternehmen diskreditieren. Er liebt den hohen Ton und das ideologische Herumpoltern.

Seine Terminologie trimmt er moralisch hoch, um die sachliche Schieflage und barocke Verschnörkelung von Ausdrücken wie "Klassen-Völkermord", "Massengewalt" oder "Klassentotalitarismus" als vermeintliche Kennzeichen "des" Kommunismus zu überspielen. Und in polemischer Zuspitzung spricht er allen Formen von Antifaschismus jegliche Bedeutung ab, außer der einen - die Verbrechen "des" Kommunismus zu verschleiern. Methodisch fragwürdig ist Stéphane Courtois' Versuch, "dem" Kommunismus - einer politischen Doktrin - die Schuld für Verbrechen anzulasten, ohne wenigstens zu unterscheiden zwischen Doktrin, politischer Praxis, strukturellen Handlungsbedingungen und historischer Konstellation.

Eine Passage in Courtois' Vorwort lehnt sich fast wörtlich an die Thesen des Berliner Historikers Ernst Nolte an, der mit seinem FAZ-Artikel vom 6. Juni 1986 den "Historikerstreit" ausgelöst hat: "Die Fakten ... zeigen, daß die kommunistischen Regime Verbrechen an etwa 100 Millionen Personen begangen haben, demgegenüber waren ungefähr 25 Millionen Menschen von Verbrechen des Nazismus betroffen. Die Methoden, die Lenin angewandt und die Stalin und seine Nacheiferer systematisiert haben, erinnern nicht nur an die Methoden der Nazis, sondern gehen diesen oft voran. Der Klassen-Völkermord ähnelt dem Rassen-Völkermord", schreibt Courtois.

Der Streit um Courtois' Thesen könnte der Auftakt zu einem "Historikerstreit" à la française sein oder als Farce enden, wenn sich nicht bald Intellektuelle von Rang an der Debatte über das "Schwarzbuch des Kommunismus" beteiligen.

Nötig ist die Debatte und sinnvoll ebenfalls.