Zu den schlechtesten Traditionen der Grünen zählt der gnadenlose Umgang mit ihren Führungsfiguren. Je größer deren gesellschaftlicher Einfluß, um so schärfer das Mißtrauen, das ihnen in der Partei entgegenschlägt. Und auch umgekehrt gilt: Je weniger ein grüner Funktionär draußen zu sagen hat, desto sicherer darf er mit Mehrheiten im eigenen Verein rechnen.

Für eine Partei, die um öffentliche Zustimmung ringt, ist das ein ruinöses Verfahren. Es geht zurück auf das Grundmißtrauen gegen die deutsche Gesellschaft, ein hartnäckiges Relikt der einst als "Antiparteien-Partei" gegründeten Organisation. Wer in der Gesellschaft als Grüner bestehen konnte, war den Grünen einfach suspekt.

Mit dieser Tradition des Ressentiments hat der Kasseler Parteitag am vergangenen Wochenende gebrochen, deutlicher als je zuvor. Das muß nicht von Dauer sein. Aber die stehenden Ovationen für die Rede Joschka Fischers markierten eine Zäsur. Für einen Moment machten sie aus dem "heimlichen Parteichef" die unbestrittene Führungsfigur der Grünen. Das Dementi kam - nicht zufällig vom gewählten Parteichef Jürgen Trittin. Sichtlich verkrampft ließ er die Rede über sich ergehen, zu einer souveränen Reaktion war er nicht imstande.

Noch sein Lob für Fischer als "bestes öffentliches Zugpferd" der Partei war nichts anderes als der Versuch, den alten Widerspruch zwischen öffentlichem Einfluß und innerparteilicher Ohnmacht wiederherzustellen. Aber die Chancen hierfür sind schlechter geworden.

Das ist schön für die grünen Leistungsträger, für Fischer allemal. Doch das eigentlich Bedeutsame des Kasseler Ereignisses liegt in der Unbekümmertheit, mit der die Delegierten die innerparteilichen Demarkationslinien mißachteten.

Die öffentliche Rolle des grünen Fraktionschefs in Bonn und seine Rede waren diesmal bezwingender als die überkommene grüne Strömungslehre. Daß da der "Oberrealo" sprach, hinderte plötzlich auch links fühlende Delegierte nicht am donnernden Applaus. Und Fischer befreite es aus der angestammten Rolle.

Sein Erfolg in Kassel macht das Dilemma der Parteilinken offenbar. Weil auch sie regieren möchten, brauchen sie die öffentlichen Werbeträger vom Schlage Fischers. Zugleich aber wollen sie als Linke erkennbar bleiben und müssen deshalb den realpolitischen Kurs immer wieder konterkarieren: nicht wie in den wilden Kämpfen der frühen Jahre, sondern mit Nadelstichen wie jüngst in der Nato-Debatte.