Nicht einmal zehn Jahre ist es her, daß im Gefolge der revolutionären Erschütterungen der Sowjetunion der altersstarre Staatsratsvorsitzende der DDR Erich Honecker zurücktreten mußte, seine Nachfolger das Brandenburger Tor öffneten und damit eine Entwicklung einleiteten, die sie gerade nicht wollten: die Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Man wird lange - und wohl vergeblich - suchen müssen, um einen zweiten Fall zu finden, der nach einem so kurzen Zeitabstand ähnlich umfassend erforscht, dokumentiert und analysiert worden ist wie dieser.

Zwei Gründe sind dafür von besonderer Bedeutung. Einmal haben sich in den zurückliegenden Jahren fast alle, die, direkt oder indirekt, prominent oder im Hintergrund wirkend, an dieser Entwicklung beteiligt waren, zu Wort gemeldet, in der Regel in Buchform. Vor allem aber zeigen die dramatischen Entwicklungen der Jahre 1989 bis 1991, in welchem Maße sich auch solche Bereiche des politischen Lebens, wie etwa die Sicherheitspolitik, zu öffentlichen Angelegenheiten entwickelt hatten, die traditionell einer besonderen Vertraulichkeit unterlagen. Selbst die Politik des Kreml, der vor Gorbatschows Machtantritt neben dem Vatikan als eine der letzten Trutzburgen der Geheimdiplomatie galt, besaß Ende der achtziger Jahre "eine gewisse Transparenz".

Zu diesem Befund kommt jetzt Rafael Biermann, der die inzwischen stattliche Reihe einschlägiger Untersuchungen des Einigungsprozesses um eine weitere bereichert. Wie vor ihm Philip Zelikow und Condoleezza Rice den Weg zur deutschen Einheit aus amerikanischer Perspektive beleuchtet haben, versucht sich jetzt Biermann an der sowjetischen Politik. Anders als den beiden Amerikanern und den meisten Forschern vor ihm standen Biermann für seine Bonner Dissertation allerdings die entscheidenden Akten nicht zur Verfügung - weder diejenigen des Auswärtigen Amtes und des Kanzleramtes noch die in der Gorbatschow-Stiftung lagernden Materialien.

Daß die voluminöse Untersuchung dennoch zu vorzeigbaren Ergebnissen kommt, liegt an der zitierten Transparenz des Vorganges, an der umfassenden Vorarbeit anderer Autoren und an den Hintergrundgesprächen, die Biermann mit zahlreichen Zeitzeugen geführt hat. Auf sowjetischer Seite gehörten dazu Berater Gorbatschows, Mitarbeiter des damaligen sowjetischen Außenministeriums und der Internationalen Abteilung des Zentralkomitees der KPdSU sowie Wissenschaftler aus den politiknahen Forschungsinstituten. Daß der Autor an die zentralen Figuren des Einigungsprozesses wie Gorbatschow oder Schewardnadze auf sowjetischer Seite nicht herankam, tut der Sache insoweit keinen Abbruch, als diese ihre Sicht der Dinge in Memoiren mitgeteilt haben. Im übrigen konnten ja schon Zelikow und Rice zeigen, wie wichtig die Informationen aus dem zweiten und dritten Glied sein können.

Biermanns Ergebnisse bestätigen durchweg unsere Kenntnisse der sich überstürzenden Vorgänge und komplexen Zusammenhänge. Schlüssig arbeitet der Autor jene Momente heraus, welche Gorbatschow schließlich zum Einlenken in der deutschen Frage zwangen. So wird einmal mehr deutlich, daß die deutschen Finanzzusagen entscheidende Voraussetzung für den Abschluß und die Ratifizierung des Zwei-plus-Vier-Vertrages waren, weil Gorbatschow sie in diesem Umfang nur aus Bonn erwarten konnte. Auch deshalb war er im Winter 1989/90 "nicht der Agierende, sondern der Reagierende".

Was die deutsche Seite angeht, bestätigt die Studie die hohe, ja ausschlaggebende Rolle des Kanzleramtes im Einigungsprozeß. Fast zwangsläufig wird damit diejenige des Auswärtigen Amtes und insbesondere des damaligen Außenministers relativiert. Insgesamt setzt Biermann die Tradition einer höchst skeptischen Beurteilung Hans-Dietrich Genschers fort, die damals vor allem in der amerikanischen Administration weit verbreitet war und sich inzwischen auch in der einschlägigen Forschungsliteratur zu etablieren scheint. Das gilt insbesondere für Genschers Haltung in der Frage der Nato-Zugehörigkeit des vereinigten Deutschland, war er doch nach den Erkenntnissen des auf der Hardthöhe tätigen Autors bereit, "Gorbatschow einen höheren Preis als das Verteidigungsministerium und auch die Außenpolitische Abteilung des Kanzleramts für die Wiedervereinigung zu entrichten".

Abgesehen von solchen Ergebnissen, die im wesentlichen unseren Kenntnisstand bestätigen und bestärken, hält die Studie aber auch einige bislang unbekannte und gerade für den historischen Betrachter bemerkenswerte Aspekte bereit.