Ostberlin, U-Bahn-Station Klosterstraße. Kaum ist man dem Schacht entstiegen, drängt sich der Fernsehturm ins Blickfeld. Steil aufragend, blitzlichternd - ein Richtungspfeil zum Himmel der Ekstase.

Ein paar Schritte weiter, im Kulturzentrum Podewil, sind vier Musiker auf dem Weg dorthin: Evan Parker spielt Saxophon, John Russell kauert auf einem Sessel und plinkert und zupft auf einer akustischen Gitarre der Baß ächzt unter den Zugriffen und harten Bogenschlägen von John Edwards, und das Schlagzeug knallt, knattert, klingelt und raschelt, wenn Mark Sanders mit seinen Trommelstöcken über die Felle tanzt. Totale Improvisation, ungeschützt. Herrschaftsfreie Kommunikation von vier gleichberechtigten Musikern. Lange Momente des Suchens, ein Quietschen hier, ein Meckern da, ein Räuspern dort. Eine fremde Sprache, Klang-Hieroglyphen. Dann werden die Phrasen länger, die Interaktionen dichter. Aus den Geräuschen entwickeln sich Strukturen, Ideen und Motive werden von Mann zu Mann weitergereicht, beginnen zu kreiseln. Lange silberne Sopransaxophongirlanden, unkontrolliertes Pfeifen, durchbrochen von atemlosen Schnatter-Kaskaden. Das Schöne und das Vulgäre in dialektischer Umklammerung. Höllenhunde auf dem Weg zum Himmel.

Bis oben der Deckel wegfliegt und der Saal beinahe explodiert. "You have to raise the bandstand", hat Thelonious Monk einmal gesagt. Du mußt so spielen, daß die Bühne abhebt.

Evan Parker und seine drei britischen compadres traten Anfang dieses Monats beim Total Music Meeting auf. Umjubelt wie all die anderen: Peter Brötzmann, Peter Kowald, Keith Tippett, Sven-Ake Johansson, Alex von Schlippenbach ... ein Treffen der Stammesältesten zum dreißigjährigen Jubiläum. Einst als rabiater Gegenpol zum konzilianteren Berliner Jazzfestival gegründet, bedarf das TMM längst keiner außermusikalischen Legitimation mehr: Letzte Free-Jazz-Tanke vor Babylon, Bölkstoff-Lieferant für die Klang-Krawallerie. Ein dünnes Aroma von 68 hängt immer noch im gutgefüllten Raum, doch Politik spielt nur noch eine Nebenrolle. Seit Beginn der achtziger Jahre sind die Genossen weniger und weniger geworden, die "Emanzipation des europäischen Jazz" ist längst kein Thema mehr. "Alte Visionen einer proletarischen Kunstform von und für das Volk wanderten still und heimlich in die Mottenkiste", heißt es im Programmfolder, "zusammen mit den Arbeitsstiefeln und den Hosenträgern (früher de rigueur) und den Weill/Eisler-Noten."

"Politik?" Evan Parker schmunzelt, als er am Morgen nach dem Konzert in einer Pension zum Gespräch empfängt. "Das war doch immer schon ein Mythos. Es hat nie eine klare politische Agenda gegeben, nur eine allgemeine linke Tendenz."

Der Anarchismus Bakunins sei ihm lieber gewesen als Marx, weil er das Doktrinäre und Verhärtete schon im Ansatz kritisiert hätte. Doch mit solchen Vorlieben sei er bei den sozialistischen Sympathisanten unter den Musikerkollegen immer abgeblitzt. "Ich hatte politische Ideale, und ich bin enttäuscht, wie wenig davon sich in der Welt verwirklichen ließ die Musik hingegen hat mich nie enttäuscht, darum bleibe ich bei der Musik."

Daß Free Jazz seit jeher fast zwangsläufig mit radikaler Politik zusammengedacht wird, hat mit seinem Auslöschungsgestus zu tun: Spiel kaputt, was dich kaputtmacht. Paul Bley, der sensible Klavier-Poet der freien Improvisation, fühlte sich zu Beginn der Avantgarde oft an "einen Raum voller schreiender Katzen" erinnert, wenn er Konzerte besuchte. Seit solchen ersten Lockerungen in den sechziger Jahren wurde der Free Jazz Dutzende Male begraben und ist doch immer wieder auferstanden.