Die Hälfte der 193 Staaten auf diesem Globus inhaftiert Menschen wegen ihres Glaubens, ihrer Überzeugungen, ihrer Herkunft, ihrer Rasse, ihres Geschlechts. In einem Drittel aller Staaten müssen Festgenommene befürchten, gefoltert zu werden, manchmal bis zum Tode. Die Schicksale Hunderttausender "verschwundener" Menschen in Lateinamerika, Asien, Afrika und dem früheren Jugoslawien sind unaufgeklärt. Millionen von Menschen sind auf der Flucht, und Hunderttausende finden wegen der schrittweisen Zersetzung des Asylrechts keinen Schutz. Millionen von Kindern verhungern. Menschen, die sich für die Verwirklichung der bürgerlichen und sozialen Menschenrechte einsetzen, werden verfolgt, gequält und ermordet.

Die weltumspannende Realität schwerer Menschenrechtsverletzungen lehrt eines: Einer Relativierung der Menschenrechte darf kein Verständnis entgegengebracht werden. Im nächsten Jahr wird die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte fünfzig Jahre alt. Dies ist der richtige Zeitpunkt, die Unteilbarkeit der Menschenrechte zu betonen und ihrer Durchsetzung einen entscheidenden Schub zu geben.

Genau das Gegenteil aber könnte ungewollt die "Erklärung der Menschenpflichten" bewirken, welche die ZEIT dankenswerterweise veröffentlicht hat. Die Autoren der Erklärung konstruieren sie als "Zwilling" der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Sie behaupten, eine Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten "ergänze" die Menschenrechtsdeklaration. Sie glauben, nur so die Rechte und Pflichten der Menschen "im Gleichgewicht halten" zu können.

Dem muß deutlich widersprochen werden. Die Schwäche der Menschenrechte ist kein Problem des Konzeptes, sondern des fehlenden politischen Willens der verantwortlichen Akteure. Eine ins Gleichgewicht zu bringende Schieflage der Menschenrechte existiert nicht. Freiheit, Gerechtigkeit und Teilhabe - das ist die Grundfigur der Menschenrechte, sie halten sich selbst im Gleichgewicht.

Das eigentliche Problem der "Menschenpflichten" ist, wie sie sich zu den Menschenrechten verhalten. Der moralisch-ethische Impuls fundamentaler Prinzipien der Humanität ist sympathisch, auch wenn die Forderungen des Pflichtenkataloges sehr unterschiedlicher Natur sind. Aber warum der Anspruch, die Menschenrechte ergänzen und vervollständigen zu wollen? Diese Absicht sollte von den Autoren fallengelassen werden, weil sie sich gegen die kodifizierten Menschenrechte selbst wenden könnte. Hier sind die Gründe für meine Befürchtung:

Menschenrechte sind keine Belohnung für Wohlverhalten. Dies aber suggeriert die Pflichtenerklärung. Indem sie behauptet, es gebe zu viele Rechte und zuwenig Pflichten, macht sie die Einhaltung der Menschenrechte durch den Staat von der Beachtung von Pflichten durch den einzelnen abhängig. Sollen die Rechte hinfällig werden, wenn Menschen sich nicht an ihre "Pflichten" halten? Dies können die Autoren nicht wirklich wollen. Das Recht auf Leben und das Folterverbot zum Beispiel gelten ohne jede Einschränkung. Wo kommen wir hin, wenn die Beachtung solcher Rechte durch menschliches Fehlverhalten konditioniert wird? Soll die Todesstrafe eingeführt werden, weil es schreckliche Verbrechen gibt? Soll das Folterverbot nicht für Terroristen gelten, die Anschläge verüben? Sollen Mißhandlungen halb so schlimm sein, wenn sie an Drogendealern verübt werden?

Nein, das kann nicht gemeint sein. Vermeintliche Straftäter gehören vor Gericht und haben ein Recht auf ein faires Verfahren. Dieses Recht darf nicht deswegen zur Disposition stehen, weil Menschen schwer gefehlt haben.