Vor einem Jahr strotzte Heinz-Jörg Platzek, Vorstandsmitglied der Dresdner Bank, noch vor Selbstbewußtsein. Sein Haus, kündigte der Manager vollmundig an, werde alles besser machen als die Konkurrenz und binnen zwölf Monaten eine Direktbank völlig "neuen Typs" aus dem Boden stampfen.

Doch Platzeks Plan ging gründlich daneben. Mitte Oktober verabschiedete sich die Dresdner kleinlaut von dem ehrgeizigen Ziel, mit dem Aufbau eines eigenen Instituts dem "Markt eine neue Qualität" zu geben. Statt dessen greift sie auf eine bereits bestehende Adresse zurück und will nun die Advance Bank, eine Tochtergesellschaft der Bayerischen Vereinsbank, kaufen.

Der Flop kann kaum überraschen. Die Verantwortlichen im zweitgrößten Kreditinstitut der Republik haben die Entwicklung schlicht verschlafen und wären mit einer Neugründung ohnehin zu spät gekommen. Denn im Direktbankgeschäft ist der Zug längst abgefahren. Mittlerweile tummeln sich auf diesem Markt schon mehr als ein Dutzend Anbieter, die nicht über Filialen, sondern per Post, Telephon oder Computer mit den Kunden Verbindung halten. Da die Nachfrage zwar kontinuierlich, aber weniger rasch als erwartet wächst, dürften längerfristig nur wenige Häuser den knallharten Wettbewerb überleben.

Es sei allemal einträglicher, eine Bank zu gründen, als sie auszurauben, hatte einst Bertold Brecht gelästert. Da ahnte der Dramatiker freilich noch nichts von Direktbanken: Deren Aufbau auf der grünen Wiese ist so kostspielig, daß die Alternative des Einbruchs fast mehr Erfolg verspricht.

Auch die Dresdner hatte sich die Sache viel einfacher vorgestellt. Doch bald stellte sich heraus, daß diese Pläne nicht zu realisieren waren. Die rund achtzig Beschäftigten, die in der Duisburger Projektgesellschaft mit der Entwicklung betraut waren, bekamen vor allem die technischen Probleme nicht in den Griff. Platzek mußte seine Kostenvoranschläge immer wieder nach oben revidieren und zog sich damit den wachsenden Unmut seiner Vorstandskollegen zu. Zwischenzeitlich wurde in Frankfurt deshalb überlegt, die von der Advance Bank benutzte Software zu kaufen. Auch ein Einstieg bei der Allgemeinen Deutschen Direktbank stand zur Debatte.

Die schließlich gefundene Lösung verdankt die Dresdner der überraschenden Fusion zwischen der Vereinsbank und der Hypobank. Da letztere in der Direkt Anlage Bank bereits ein entsprechendes Institut besitzt, konnte sich der neue bayerische Geldgigant leichten Herzens von der Advance Bank trennen. Den von Branchenkennern auf 200 bis 250 Millionen Mark taxierten Kaufpreis wird die Dresdner verschmerzen. Denn eine eigene Neugründung hätte sie schätzungsweise 400 Millionen Mark gekostet.

Derartige Summen sind in diesem Geschäft gang und gäbe. Auch die Konkurrenten mußten schon viel Lehrgeld zahlen. Die Bank 24, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bank, wies im vergangenen Jahr einen Verlust von knapp 100 Millionen Mark aus, die zur Commerzbank gehörende comdirect machte 46 Millionen Mark Miese. Die Advance Bank schließlich schrieb 78 Millionen in Rot.