Es ist kalt, der Wind pfeift, Feuchtigkeit kriecht in die Knochen - doch in Hamburg ist immer noch Sommer. Das liegt an einer - nach dem erfolgreichen Premierenjahr 1994 - auch diesmal einzigartigen Unternehmung, die sich unter dem Titel "Hamburger Architektursommer" zuträgt. Sie geschah in Vorträgen, Streitgesprächen, Werkberichten von Architekten, einer Vielzahl erstaunlicher Ausstellungen vor bisweilen überfüllten Auditorien. Mit allem hatten die Veranstalter besonders dies im Sinn: die Allgemeinheit der Stadtbürger für die Architektur und den Städtebau zu interessieren und ihnen das Metier in möglichst vielen Facetten so leibhaftig wie möglich vor Augen zu führen.

In der großen Deichtorhalle präsentiert sich noch bis Januar der Bahnhof als Zukunftsthema, Ende November zerbricht man sich die Köpfe über die beängstigend fortschreitende Privatisierung öffentlichen Raumes - und in einem ehemaligen Industriebau, dem imposanten Phoenixhof in Hamburg-Altona haben Studenten der Fachhochschule kürzlich die womöglich originellste Schau zustande gebracht. Interessant zu wissen, daß diese außerordentliche Anstrengung der Studenten Jan Mollowitz und Jörg Bornholdt als Diplomarbeit anerkannt worden ist.

Bei dem italienkundigen Professor Jörg Friedrich (und seinen Kollegen Kasper und Stürzebecher) lag die Aufgabe nahe: sich endlich einmal den für seine Architektur bewunderten, für seinen faschistischen Eifer verwünschten Architekten Giuseppe Terragni (1904-1941) vorzunehmen, den begnadetsten Apologeten der Moderne in Italien. Die Studenten näherten sich ihm auf eine namentlich für sie lehrreiche Weise, indem sie gut zwanzig seiner Bauwerke, und Projekte in großen, in der Mitte zu öffnenden Modellen im Maßstab 1 : 50 nachbauten, infolgedessen genau studierten.

Die Ausstellung ist zuletzt deswegen so erstaunlich, weil, angefeuert von den beiden Diplomkandidaten, weit über hundert Studenten daran mitgewirkt und mitgelernt haben: damit sich ihnen die dritte Dimension erschließe und ihr Blick für Raumproportionen und Architekturdetails trainiert werde. Für die Diplomanden kam noch das "Management" hinzu: die Suche des Ausstellungsortes, die Stimulierung von Sponsoren, die Gestaltung der ganzen, mit Texten komplettierten Schau.

Wer vor den puppenstubengroßen Gebäuden steht, wird zuerst von kindlichem Staunen beschlichen, ehe der Intellekt sich durch die bis in die Fenstersprossen reichende Präzision der Modellbauer herausgefordert fühlt.

Das öffentliche Ereignis ist die so lange gemiedene, überaus eindringliche Bekanntschaft mit dem epochalen, in nur dreizehn Jahren entstandenen Werk dieses Architekten. Giuseppe Terragni war ein Protagonist des italienischen Rationalismus, der viel strenger als die übrige klassische Moderne Europas seine Anregungen aus der Geometrie bezogen, dabei zugleich die Geschichte reflektiert hatte. Das hatte ihn doch auch für Mussolini so interessant gemacht: Er sah den neuen, diktatorisch geführten Staat in genau dieser strengen, elementaren, viel Glas gebrauchenden, dabei Antike und Renaissance beschwörenden Architekturmoderne dargestellt - ehe er, von Hitler infiziert, dann auch in den monumentalen Neoklassizismus abglitt.

In Hamburg wird nun klar, daß Terragni neben der weltbekannten Casa del Fascio in Como viel mehr imponierend schöne Bauten hervorgebracht hat, Villen, Kindergärten, Mietswohnhäuser. Sie sind allesamt auf ihre Umgebung bezogen, mehr: sie sollten den Orten, für die sie entworfen waren, unübersehbar das Gepräge geben.