Der Titel des ersten Musikstücks gilt für den ganzen, drei Stunden währenden Tanz-Abend. "The Perilous Night" (Die gefährliche Nacht, 1944), eine kleine Suite für (präpariertes) Klavier von John Cage.

Auf den ersten Blick ein leichter, improvisierter Übungsabend. Die zwölf Tänzer der Gruppe Rosas von Anne Teresa De Keersmaeker, die sechs Musiker des Ensembles ICTUS sind ständig auf der Bühne des Brüsseler Opernhauses Théâtre de la Monnaie, sitzen auf Stühlen und Tischen rechts und links der leeren Szene, ziehen sich vor schäbigen Kleiderkästen im Hintergrund um, ruhen sich auf Stühlen vor der sanft ansteigenden Bühne im Zuschauerraum aus.

Ein spielerisch heiterer Abend aus zwölf Stücken zeitgenössischer Musik, fast alle für Schlagwerk, wenn wir das Klavier dazurechnen. Und doch ein Tanzvergnügen, das sich zunehmend verdüstert, nicht nur weil Frauen und Männer, wie oft bei dieser vor Energie platzenden Choreographin, gelegentlich mit gefährlicher Angriffslust tanzen - was heißt tanzen: über Stühle und Partner fliegen, sich über den Boden wälzen, gegeneinanderwerfen, auf einen Arm gestützt um sich selber drehen, wie breakdancer auf Schultern kreiseln.

Wie fast immer sprengt Anne Teresa De Keersmaeker die Szene, macht sie zum Labor für zeitgenössische Hör- und Körper-Erfahrungen, zum Erlebnis-Raum für moderne Denkweisen und Ausdrucksformen. Sowenig diese Tänzerin, wenn sie als Choreographin arbeitet, Körper zum Stillstand kommen läßt, so selten schickt sie ihre Gedanken zur Ruh'. Die kleine Person mit den glühenden Augen vibriert vor einer Ungeduld, alles zu erfahren, gedanklich und körperlich zu erfassen - und mit dem Körper in Tanz-Figuren andern zu vermitteln. In den rund zwanzig Stücken der 1960 geborenen Choreographin wird stets mit dem Körper gedacht.

Was macht eine zwanzig Jahre alte Solistin, die eben in Béjarts Tanzschule Mudra ihr Diplom erhalten hat? Für ihr erstes Tanzstück, "Asch" (1980), denkt sie nicht nur an eine Musterausstellung ihrer Körperkünste, sondern auch an einen Schauspieler. So zerrte sie in den nächsten Stücken, nach zwei Jahren weiterer Ausbildung in New York, alles herbei, was ihre Kunst reicher machen könnte: Poesie und Musik der Zeit, Film und Video, moderne Kunst und den Zauber des Bühnenlichts.

Sie will ALLES. Das bringt die Stücke dieser hervorragenden Tänzerin und außergewöhnlichen Choreographin manchmal in Gefahr, auch dies (etwas zu lange) neue. Im Gepäck nach New York hatte die junge Belgierin 1980 die Partitur von Steve Reichs "Violon Phase". Daraus und aus anderen Stücken des Komponisten wurde einer ihrer frühen Erfolge: "Fase" (1982). Auch jetzt ist Steve Reich wieder dabei. Auf der Bühne stehen, schräg, sechs Handtrommeln, die zu einem der rhythmisch und tänzerisch mitreißenden Stücke des Abends werden: "Drummings".

Danach folgen von Reich noch "Nagoya Marimbas", Stücke von Iannis Xenakis, Pierre Bartholomée, dem finnischen Komponisten Magnus Lindberg und dem Musiker, mit dem die in die Wiederholungs- und Steigerungs-Manien der Minimal art vernarrte Künstlerin früher schon zusammengearbeitet hat, Thierry De Mey.