Das Gleichnis, mit dem viele Ärzte das Schicksal ihrer Patienten beschreiben, gemahnt an griechische Tragödien: Haben die Kranken erst einmal die "Schwelle" übertreten, führt ihr Weg unaufhaltsam abwärts. Teils schubweise, teils gleichförmig schwinden Kraft und Beweglichkeit, erschweren Sehstörungen ihr Leben.

An der unheilbaren entzündlichen Nervenkrankheit Multiple Sklerose (MS) leiden in Deutschland rund 120 000 Menschen Jahr für Jahr kommen etwa 3000 hinzu. Da weckt jede gute Nachricht Hoffnungen: bei 2,5 Millionen MS-Kranken weltweit, bei Ärzten - und der Pharmaindustrie. Anlaß zu verhaltenem Optimismus bieten vor allem zwei Entwicklungen, die Anfang November auf dem 13. Kongreß des Europäischen Komitees für die Behandlung und Erforschung der Multiplen Sklerose (Ectrims) im Mittelpunkt standen:

Vier neuartige Medikamente können den Verlauf der Krankheit bei Patienten mit der häufigsten, schubförmig verlaufenden MS-Variante verzögern. Das Copolymer-1 ist ein künstlich hergestelltes Gemisch kurzer Eiweißmoleküle.

Die drei anderen Wirkstoffe sind gentechnisch produzierte Abkömmlinge des Interferon-beta, eines Botenstoffs des menschlichen Immunsystems.

Fortschritte in der Magnetresonanz-Tomographie machen die für MS typischen entzündlichen Veränderungen im Hirn und Rückenmark frühzeitig sichtbar. Der Sitz und das Ausmaß von Schäden im Gehirn lassen sich objektiv messen und damit der Verlauf der Krankheit und die Wirkung neuer Medikamente überwachen.

Beide Entwicklungen wurzeln in dem rasch wachsenden Verständnis der komplizierten Vorgänge in Gehirn und Rückenmark, die zu der fatalen Zerstörung der Markscheiden bestimmter Nervenfasern führen. Die aus einer fetthaltigen Substanz namens Myelin bestehenden Markscheiden dienen als eine Art Isolator.

Nicht erst das molekulare Ursachengefüge, sondern schon das klinische Bild der Krankheit ist reichlich verwirrend. MS kommt in gemäßigten Breiten deutlich häufiger vor als in den Tropen, befällt doppelt so häufig Frauen wie Männer, kann erstmals im Alter von fünfzehn, aber auch erst von fünfzig Jahren auftreten. Bei knapp einem Sechstel der Patienten verläuft das Leiden chronisch-progredient, also mit stetiger Verschlechterung des Gesundheitszustands. Rund 85 Prozent der Patienten erleiden zunächst schubförmige, oft nur als unangenehm empfundene Schwächen etwa beim Gehen oder Sehen ("Milchglaseffekt" auf einem Auge), beim Wasserlassen oder Stuhlgang. Nach vier bis acht Wochen verschwinden die Symptome wieder.