Auf dem Programm der Börse steht seit Jahren ein einziger Dauerbrenner: "Fünf-Firmen-Monopoly". Deutsche Bank, Siemens, Daimler-Benz, VW und die Allianz sind die Marktmacher. Auf dreißig Prozent des Umsatzes am Frankfurter Börsenparkett schätzt Stefan Lutz von der Deutschen Börse den Anteil der Großen Fünf. Nimmt man die dreißig Werte des Deutschen Aktienindex (Dax), so entfallen darauf sogar 85 aller Aktiendeals.

Im Schatten der Hauptdarsteller bleibt da so manches Talent unentdeckt. 680 deutsche Aktientitel werden hierzulande gehandelt, dazu etwa 1500 ausländische. Darunter finden sich auch Papiere, die nicht allein durch ihre geringe Masse beeindrucken, wie die Tempelhofer Feld AG, mit der die Berliner Wertpapierbörse im Oktober einen Umsatz von 12 800 Mark erzielt hat - dem Gegenwert von vier Anteilscheinen. Auf den amtlichen Kurszetteln finden sich auch originelle Namen, wie die kürzlich aufgelegte Achterbahn AG, die unter anderem die Comic-Figur Werner vermarktet, oder der Software-Entwickler und Börsenneuling Mensch und Maschine AG. Am Ende zeigt ein Kurszettel-Studium: Aktien sind fast so vielfältig wie das richtige Leben!

"In der interessierten Öffentlichkeit haben wir für unser Vorgehen viel Zustimmung erfahren", freute sich die Kleinwanzlebener Saatzucht AG einst in ihrem Geschäftsbericht 1993/94. "Zustimmung" - und nicht minder lautstarken Protest - ernteten die Pflanzenzüchter für ihre Gentechnik-Experimente. Aber obwohl in einer vielgepriesenen Zukunftsbranche tätig, leiden die Biotechnologen unter heftigen Kursschwankungen. So pendelte die Aktie an der niedersächsischen Börse zu Hannover in diesem Jahr innerhalb der beträchtlichen Spanne von 880 und 1540 Mark hin und her. "Unsere Aktie ist relativ fungibel", sagt Firmensprecher Hubertus von Münchhausen und erklärt dies mit der kleinen Zahl von Aktien, die an der Börse gehandelt wird. "Wir sind ein typischer small cap, mit einem engen Markt und einer großen Nachfrage." Lediglich zehn Prozent des Grundkapitals von 33 Millionen Mark sind im Handel, der größere Rest liegt bei den Großaktionären Südzucker, Hoechst und Oetker.

Anders als bei den Kleinwanzlebener Saatzüchtern befinden sich über sechzig Prozent der Kunert-Aktien in Streubesitz. Und im Gegensatz zu den Gentechnikern genießt die Kunert AG in der bundesdeutschen Ökoszene einen prima Ruf. Der Allgäuer Strumpfproduzent sammelt grüne Pluspunkte mit der Entwicklung von umweltfreundlichen Färbetechnologien und als Vorreiter für Ökobilanzen. Der Vorstand der Immenstädter Strumpfstricker träumt davon, "Ökologie und Ökonomie in Einklang" zu bringen. Der Kunert-Kurs krabbelte an der bayerischen Börse vom Tief mit 110 Mark im Januar auf ein zwischenzeitliches Hoch von 195 Mark, welches allerdings immer noch unter dem seinerzeitigen Ausgabekurs liegt. Eine größere Marktbreite garantiert also keineswegs eine stetige Kursentwicklung. Das Börsen-Monopoly der Kleinen - im Insider-Jargon small caps genannt - gewährt weitere Einblicke: Es mangelt hierzulande an Risikokapital für innovative Firmengründer. Dies ist eine Folge des deutschen Universalbanksystems mit seiner engen Industrieverflechtung. So blieben Beteiligungsgesellschaften rar, die Betrieben frisches Eigenkapital bereitstellen. Börsennotiert ist einzig die Deutsche Beteiligungs-AG in Frankfurt am Main. Großaktionäre sind die Deutsche Bank und Gerling.

Besonders rar sind Aktiengesellschaften mit Hauptsitz in Ostdeutschland. So sind die meisten Aktiennamen, die einen Heimatsitz östlich der Elbe suggerieren, nur Relikte aus der Vergangenheit. Echte Ostaktien sind überaus selten: Neben der verunglückten Sachsenmilch steht nur ein halbes Dutzend Ostfirmen auf dem Kurszettel. Erstes ostdeutsches Unternehmen, daß es aus "eigener Kraft" (Sächsische Zeitung) an die Börse geschafft hat, ist die Sachsenring Automobiltechnik aus Zwickau. Der Börsenstartschuß war für das aus den ehemaligen Trabi-Werken hervorgegangene Unternehmen wenige Tage vor den Börsenturbulenzen im grauen Oktober gefallen. Glück gehabt!

Schäumende Kursträume treiben bisweilen die Anteilseigner von Konkursfirmen um. So kann auf die Altenburger und Stralsunder Spielkartenfabrik ASS - sie residiert bei Stuttgart - weiterhin spekuliert werden, obwohl die Firma ein Konkursverfahren durchläuft. Zocker hoffen auf helfende Politiker oder auf eine überraschende Übernahme durch die Konkurrenz, wie Eva Kolse von der Berliner Wertpapierbörse vermutet, "da kann immer noch was passieren". Solche Spekulationslust trifft auch Große wie den Bremer Vulkan Verbund "in Konkurs" (Jahreshoch/-tief 9,95/1,40).

Nicht an ein finanzielles Desaster, sondern an eine moralische Bankrotterklärung erinnert eine andere Aktie. Im Jahre 1925 hatte sich die Interessengemeinschaft Farben zu einer Aktiengesellschaft zusammengeschlossen. Die Nachkriegsentflechtung durch die Alliierten hinterließ BASF, Bayer und Hoechst - sowie die IG Farben in Liquidation. Die Anteilscheine des Herstellers von Zyklon-B, dem Giftgas für die Konzentrationslager der Nazis, werden bis heute gehandelt (Jahreshoch/-tief 3,75/1,67).