Das Gebäude des Leipziger Hauptbahnhofs, das nach zweijähriger Umbauzeit nun wieder eröffnet wurde, ist eine Überraschung. Besucher können den Monumentalbau von gründerzeitlicher Machtentfaltung aus dem Jahr 1915 jetzt erneut so erleben, wie ihn seine Erbauer erträumten. "Licht und Luft" und "Wahrheit, Klarheit, Licht und Luft" hatten 1907 die Architekten mit zeitgenössischem Pathos ihre Entwürfe überschrieben. Licht und Luft sind zurückgekehrt, nachdem Europas größter und einstmals auch schönster Kopfbahnhof während der Renovierung einem holzverschalten Labyrinth geglichen hatte.

Die beinahe 300 Meter lange Eingangsfront leuchtet neu im hellen Gelb des sächsischen Sandsteins. Nach dem aufwendigen Entfernen von Dreck und Ruß sind die Skulpturen an den Portalen der beiden großen Eingangshallen wieder zu erkennen. Mit drei Schwüngen grüßt zwischen den beiden Eingangshallen die Fassade des Mittelteils mit ruhiger Würde zur gegenüberliegenden Innenstadt hinüber. Denkmalpflegerischer Einspruch hat hier wie an vielen anderen Stellen segensreich gewirkt. Die grellen Logos der neu ansässigen Geschäfte sind kontrolliert klein gehalten und beeinträchtigen den Gesamteindruck kaum.

Ganz gleich, ob man den Bahnhof durch die östliche oder die westliche Halle betritt - in den riesigen, durch Oberlichtfenster erhellten Räumen hebt sich das Herz, Aufbruchstimmung und weitläufige Heiterkeit stellen sich wie von selbst ein. Die Gründungsarchitekten William Lossow und Hans-Max Kühne wußten, wie man Räume baut, die den Übergang aus der Weite der Stadt in die Enge der Bahnwaggons als Reiseerlebnis organisieren. Wer die zehn Meter breiten Treppen zur Gleisebene hinaufsteigt, fühlt Bereitschaft zu Abschied und Aufbruch.

Daß die Architekten des Erneuerungsbaus diesen Geist verstanden, aufgegriffen und ihm einen neuen Ausdruck verliehen haben, zeigt sich in der großartig wiederhergestellten und verwandelten Querbahnsteighalle. Dieser grandiose, 267 Meter lange, 32 Meter breite und 18 Meter hohe Raum erschließt den Zugang zu allen Ferngleisen auf einmal. Nirgendwo kann man das verkehrstechnische Konzept des Kopfbahnhofs so sehr als Versprechen der Ferne erleben wie hier.

Alle Redewendungen, in denen dieser Bahnhof mit Kathedralen oder Tempeln verglichen wird, sind unzureichend. Denn bei aller Steigerung der Raumerfahrung ins Riesenhafte ist die weitläufige, helle Halle weder auf vertikale Transzendenz aus wie die gotische Kathedrale noch auf Einschüchterung wie der Tempel. Diese Architektur setzt eigene Vergleichsmaßstäbe.

In Leipzig steht die Konstruktion und Stein gewordene Idee eines Bahnhofs, wie er sein soll und auch weiterleben wird. Allen Unkenrufen zum Trotz fügt sich das von der Deutschen Bahn zur Belebung und Finanzierung der Baukosten von rund 500 Millionen Mark geforderte Einkaufszentrum nicht nur elegant in die alte Architektur, es verhilft ihr zu neuer, lebendiger Wirkung.

Die Architekten des Düsseldorfer Büros Hentrich-Petschnigg & Partner HPP haben die 30 000 Quadratmeter Verkaufsfläche in drei Etagen unter der Querhalle angesiedelt. Erreichbar sind sie durch einen Fußgängertunnel von der Stadt aus sowie durch ein ebenso einfaches wie wenig auffälliges System von Rolltreppen und Wegen von den Seiteneingängen und der Westhalle her. Der Clou jedoch ist ein schlanker, etwa zwei Drittel der Länge beanspruchender linsenförmiger Einschnitt im Boden der Querbahnsteighalle, der die unten liegenden Stockwerke der Shopping Mall mit dem Bahnhofsleben darüber verbindet. In der Querhalle bietet sich ein phantastischer Blick in drei Raum-Zeit-Dimensionen des Reisens.