Soviel Sachverstand kann einen Rezensenten schon einschüchtern: 132 Autoren haben die Herausgeber Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß versammelt zu einem Unternehmen, das freilich mit geringeren Kräften kaum zu bewältigen gewesen wäre. Die "Enzyklopädie des Nationalsozialismus" soll laut Vorwort "alle notwendigen Informationen über Institutionen und Organisationen, zu Ereignissen und Begriffen, über Fakten und Daten der nationalsozialistischen Ideologie und ihrer Verwirklichung im NS-Staat bieten".

Das Ergebnis ist beeindruckend: ein wirklich umfassendes Nachschlagewerk, das Maßstäbe setzen wird. Es erweist sich bei fast allen Stichproben als verläßlich und verbindet die nötige Kürze mit der bei vielen Themen unumgänglichen Ausführlichkeit. Diese Stärke aber ist zugleich eine Schwäche: Wir haben hier nämlich ein mehrteiliges Werk vor uns, das nicht selten mehrfaches Nachschlagen erforderlich macht.

Im ersten, für den Fachmann wichtigsten Teil fassen 27 umfängliche Artikel bekannter Zeithistoriker die großen Themen von Propaganda bis Technik (sehr verdienstvoll, weil sonst oft stiefmütterlich behandelt!), von Emigration bis Sport auf 340 Seiten zusammen. Dieser Teil ist nicht alphabetisch geordnet, sondern nach einem nicht ohne weiteres verständlichen System, was aber bei den wenigen Artikeln kein Problem darstellt. Diese Übersichten referieren den neuesten Stand der Forschung und sind unübertreffliche Einführungen in den jeweiligen Problemkreis. Manche Beiträge, beispielsweise die Darstellung der NS-Außenpolitik aus der Feder von Bernd-Jürgen Wendt, erübrigen sogar die Lektüre dickleibiger Monographien. Die angehängten Literaturhinweise sind nach Aktualität und Greifbarkeit sorgfältig ausgewählt.

Kern des Werks ist der zweite, fast 500 Seiten starke Lexikon-Teil, der rund 1000, meist kürzere faktenpralle Artikel bietet. Es wäre Erbsenzählerei, wollte man auflisten, was einem alles darin fehlt. Vollständigkeit, wie sie der oben zitierte Anspruch zu versprechen scheint, wäre auch auf vielen tausend Seiten nicht erreichbar - man denke nur an die 1993 erschienene "Enzyklopädie des Holocaust", die allein 2000 Seiten umfaßt. Dennoch wird man fragen dürfen, warum der Zweite Weltkrieg so knapp wegkommt und der Krieg in Fernost nur in Zusammenfassungen unter USA und Japan versteckt ist, warum die Vorgeschichte, also die Weimarer Zeit, nur in wenigen unumgänglichen Artikeln (Weltwirtschaftkrise, Versailles unter anderen) zu Stichwortehren kommt und die Nachgeschichte fast überhaupt nicht (keine Demontage, keine Entnazifizierung). Auch ist nicht immer ersichtlich, nach welchen Kriterien etwa Militärisches Aufnahme fand: El Alamein ja, Tobruk nein - Dresden ja, Hamburg nein - Dünkirchen ja, Kursk nein.

Personen sucht man vergebens im Lexikon-Teil. Sie sind mit den Seitenzahlen ihrer Erwähnung in einem dritten Teil untergebracht und äußerst kurz skizziert. Das macht bei den wichtigen Figuren wenig aus, denn die finden sich in allen allgemeinen Nachschlagewerken. Bei den Helfershelfern und Opfern des Regimes aber, die gewöhnlich nur in diesem Kontext vorkommen, wären ausführlichere Biographien sehr erwünscht gewesen.

Zwar hat die Redaktion dem Verweissystem, wie im Vorwort angekündigt, tatsächlich "viel Sorgfalt gewidmet", doch gelingt die Vernetzung nicht immer zufriedenstellend. Vor allem die Anbindung des so vorzüglichen Essay-Teils an das Sachlexikon hätte man sich intensiver gewünscht.

Soviel Genörgel könnte den Eindruck erwecken, als sei hier ein Mißgriff zu beklagen. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Man wünscht sich das Gute gern noch besser und kritisiert, weil das den Vorzügen gar nichts anhaben kann. Die "Enzyklopädie des Nationalsozialismus", soviel ist sicher, wird zum Standardwerk werden.

Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus Klett-Cotta, Stuttgart 1997 880 S., 68,- DM.

Broschurausgabe: Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1997 900 S., 39,- DM