RERIK. - Bürgermeister Wolfgang Gulbis hält einen poppig aufgemachten Prospekt in den Händen. Auf dem Umschlag prangt seine Heimat aus der Vogelperspektive in kitschig-bunter Farbenpracht. "Catch your Island" hat die Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft darauf gedichtet, auch wenn das Eiland nur ein halbes ist. Am letzten Haus der Stadt verjüngt sich das Land zwischen Ostsee und Salzhaff zum sechzig Meter schmalen Schlauch, den eine Mauer trennt. tausend Hektar dahinter stehen zum Verkauf.

Hier oben, zwischen Salzhaff und der Mecklenburger Bucht, auf halbem Wege zwischen Rostock und Wismar, liegt das in DDR-Kreuzworträtseln zur "Perle der Ostsee" hochstilisierte Ostseebad. Rerik war einst ein winziges Fischerdorf und hieß Alt Gaartz, bis hier Mitte der dreißiger Jahre Militär sich einnistete. Soldaten im einfachen Drillich bezogen steinerne Baracken, Offiziere und ihre Familien schmucke, weiße Häuser in der fortan Gartenstadt geheißenen Garnison. Feinste Lage mit Meerblick, die heute große Pläne oder auch einfach nur Begehrlichkeiten reifen läßt.

Auf der fast tausend Hektar großen Halbinsel Wustrow ballerte erst die deutsche, später dann die sowjetische Flak. 1949 schlossen sich die Tore der Garnison für nahezu alle Deutschen, und auch die Sowjets blieben auf Wustrow eine geschlossene Gesellschaft. "Wenn es nicht gerade ein Übungsschießen gab, haben wir und wohl auch die Urlauber immer unsere Ruhe hier gehabt", meint Kneipier Gerhard Pokorski, der in einem der ältesten Reriker Häuser seit fast dreißig Jahren Gäste bewirtet. "Na ja, die Leute kommen heute leider nicht mehr von selbst nach Rerik, aber es werden jetzt wieder mehr. Allein in diesem Jahr haben drei neue Pensionen aufgemacht", berichtet er. Doch die Halbinsel, nur einen Steinwurf entfernt, macht nicht nur der Familie Pokorski Kopfzerbrechen: "Wenn die anfangen, einen weiteres Timmendorfer Strand aus dem Boden zu stampfen, dann fällt uns erst durch die Baufahrzeuge der Putz von der Wand, und schließlich wird keiner mehr in die alte Stadt kommen. Der Reiz von Rerik liegt in seiner idyllischen Ruhe", beschwört der Wirt die Zukunft.

Wustrow, soviel ist sicher, soll Ferieninsel werden. 1990 wurde Rerik Eigentümer sämtlicher früher von der Wehrmacht aufgekauften Grundstücke, die Halbinsel eingeschlossen. Alles hätte beginnen können, eine Seebrücke zeugt von der Aufbruchstimmung. Doch die Brücke gehört heute, wie auch die Halbinsel, dem Finanzministerium. "Das Bundesvermögenszuordnungsgesetz von 1992", berichtet Gulbis, "hat alles rückgängig gemacht und trifft uns vor allem in der alten Stadt." In Rerik mit seinen 1800 Seelen tobt seither der Streit um das Eigentum an der Halbinsel.

Im Sommer erlebte das alte Kulturhaus noch einige Male richtigen Betrieb.

Mehr als 300 Leute aus der Stadt fanden sich ein, als hier die Archi-Nova-Gruppe, ein ökologisch orientierter Stuttgarter Bauträger, erklären wollte, was sich mit der in weiten Teilen völlig unberührten, unter Denkmal-, Vogel-, und Naturschutz stehenden Liegenschaft anfangen lasse. Ob der offene Streit um das beste Konzept vor oder nach der Versammlung ausbrach, vermag heute kaum noch jemand zu sagen. Seither jedoch, soviel ist sicher, gehen sich Befürworter und Gegner im weiten Bogen aus dem Weg.

Zur zweiten Präsentation, auf der die Kölner Fundus-Gruppe eine recht konventionelle Mischung aus Ferienhäusern, Golfplatz, Erlebnisbad und Reiterhof vorstellte, waren die Reihen im Kulturhaus jedenfalls schon bis auf ein Drittel gelichtet. Die persönlichen Entscheidungen hatten die Reriker da wohl schon getroffen. "Die Mehrheit will hier kein austauschbares Ferienzentrum, schon gar nicht, wenn es nur Leute mit dicken Limousinen anzieht und Leuten mit noch dickeren Limousinen gehört", erklärt Bürgermeister Gulbis.