NEW YORK. - In den vergangenen Monaten haben westliche Beobachter gespannt den Kampf zwischen dem ehemaligen bosnisch-serbischen Präsidenten Radovan Karadzic und seiner Nachfolgerin Biljana Plavsic verfolgt. Aber es gibt noch eine zweite Auseinandersetzung. Es ist eine Schlacht, die alle Serben mit sich selber führen. Dabei streiten sie um absolut unvereinbare Ansichten über ihr balkanisches Erbe.

Einmal geht es um die nur allzu bekannte Unterdrückung durch ausländische Mächte. Diese Leidensgeschichte wird ständig von den Führern der Nation gelehrt, obwohl ihr die Realität einer multiethnischen Koexistenz entgegensteht, die Plavsic, Karadzic und Generationen von Serben erfahren haben.

Plavsic beispielsweise promovierte in Biologie nicht in Belgrad, sondern in Zagreb, der heutigen Hauptstadt Kroatiens. Während einer beachtlichen Karriere als Professorin in Sarajevo versuchte sie, ihre Studenten unter anderem davon abzuhalten, das kyrillische Alphabet Serbiens zu benutzen.

Radovan Karadzic wiederum verbrachte die Vorkriegsjahre in Sarajevo. Er wohnte zufrieden in einem Mietshaus mit ethnisch gemischten Bewohnern und arbeitete als Psychiater. Er präsentierte sich der kosmopolitischen Gemeinde der Stadt auch als Dichter. Selbst als Jugoslawien auseinanderzufallen begann, warnte er seine serbischen Mitbürger klugerweise: "Bolschewismus ist schlecht, aber Nationalismus ist noch schlimmer."

Vor dem Krieg bejahten die beiden Feinde die multiethnische Koexistenz, und ihre Erfahrungen entsprechen denen der Intellektuellen auf allen Seiten des derzeitigen Konfliktes. Der ehemalige Historiker und heutige kroatische Präsident, Franjo Tudjman, ist deutscher Abstammung, und er zählt eine bosnisch-muslimische Schwägerin und einen serbischen Schwiegersohn zu seiner unmittelbaren Familie. Selbst der rabiate Feind des multiethnischen Zusammenlebens, der Sozialwissenschaftler der Radikalen Partei Serbiens, Vojislav Seselj, stammt zum Teil von Kroaten ab.

Die Wirklichkeit der Koexistenz und der Vermischung ist jedoch durch das überstürzte Verlangen nach ethnisch homogenen Nationalstaaten verdrängt worden. Der Krieg machte aus Karadzic, einer bis dahin umgänglichen Null, die nur wegen ihrer schrecklichen Gedichte gescholten wurde, einen zweifach angeklagten Apostel des Völkermords. Der Konflikt veranlaßte Plavsic, den berüchtigten paramilitärischen Führer Arkan zu umarmen und dann auch noch ihre Integrität als Biologin zu verraten, indem sie den bosnischen Muslimen ein "minderwertiges Gen" zuschrieb.

Frieden und Stabilität im ehemaligen Jugoslawien setzen jedoch die Wiederherstellung des Vertrauens in die Lebensfähigkeit einer pluralistischen, multiethnischen Gesellschaft voraus. Wie die Vergangenheit beweist, ist dies eine realistische Vision. Bei meiner jüngsten Reise durch die ehemalige Kriegszone entdeckte ich viele Zeichen eines allmählichen Akzeptierens der multiethnischen Gesellschaft.