Der Anschlag der Islamischen Gruppe, bei dem am Montag in Luxor 68 Menschen starben, darunter 58 Touristen aus aller Welt, ist der verheerendste in der jüngeren Geschichte Ägyptens. Entsetzen angesichts der Opfer und Sorge über die Zukunft des Tourismus, wichtigster Wirtschaftszweig am Nil, prägen die Leitartikel der Kairoer Presse. Im vorigen Jahr hat Ägypten drei Milliarden Dollar an den ausländischen Besuchern verdient, ganze Landstriche leben vom Tourismus. Bricht er zusammen, gerät die Regierung Mubarak ernsthaft unter Druck.

Deren Strategie war es bislang, den islamistischen Terror zu verharmlosen. Als am 18. September neun deutsche Urlauber und ihr einheimischer Reiseführer bei einem Attentat in Kairo starben, erklärten die Behörden die beiden Attentäter zu "geistesgestörten Einzeltätern". Sie wurden von einem Militärgericht zum Tode verurteilt. Nach offizieller Lesart hatten die Täter keinerlei Verbindung zum islamistischen Untergrund. Dennoch gilt es als wahrscheinlich, daß der Anschlag in Luxor eine Reaktion auf das Todesurteil von Kairo ist.

Das eigentliche Motiv der Islamisten aber ist der Sturz der Regierung Mubarak. Dabei geht es ihnen weniger um den "Gottesstaat" oder die "islamische Ordnung" als vielmehr um Macht und Einfluß. Die Geschichte des radikalen Islam in Ägypten reicht zurück in das Jahr 1928, als der Volksschullehrer Hassan al-Banna die Muslimbruderschaft gründete. Sie wurde unter Nasser in den fünfziger Jahren verboten und erlebte unter Sadat in den siebziger Jahren eine neue Blüte. Sadat benutzte die Muslimbrüder, um die säkulare, linksliberale Opposition zu schwächen.

Obwohl sie offiziell bis heute verboten sind, kontrollieren die Muslimbrüder alle großen Gewerkschaften im Land. Die Bruderschaft, ursprünglich eine soziale Protestbewegung vor allem des städtischen Kleinbürgertums, wurde zunehmend staatstragend und konservativ. Sie ist mehrheitlich längst Teil des Establishments und verhält sich insgesamt loyal zur Regierung Mubarak. Diese "Verbürgerlichung" der Muslimbrüder schuf ein ideologisches Vakuum, das nach der vernichtenden Niederlage Ägyptens und seiner Verbündeten 1967 im Sechstagekrieg gegen Israel von extremistischen Gruppierungen gefüllt wurde, vor allem der Gama'at al-Islamiyya (Islamische Gruppe).

Für Europäer ist es häufig schwer zu verstehen, warum sich politische Unzufriedenheit in arabischen Ländern immer wieder islamisch-fundamentalistisch äußert, sich gar in Terror entlädt. Der Grund ist die mangelnde Demokratie und fehlende Gewaltenteilung in sämtlichen nahöstlichen Staaten - mit Ausnahme Israels. Arabische Politik ist in erster Linie Patronage- und Klientelpolitik. Das Spektrum reicht von einer entwicklungsorientierten Autokratie wie in Jordanien bis hin zu offenen Diktaturen in Libyen oder im Irak. Parlamentarismus ist weitgehend unbekannt oder nur Fassade, politische Opposition wird beargwöhnt oder verfolgt.

Das einzige Ventil für politische Enttäuschung bietet, zumindest zeitweise, die Religion: Die meisten Regime wagen nicht, gegen islamisch gefärbte Bewegungen vorzugehen, weil die Bevölkerung mehrheitlich tief religiös ist. Algerien ist eine Ausnahme, weil die Islamisten, hätte dort nicht 1991 das Militär geputscht, die Macht übernommen hätten. Ansonsten bevorzugen arabische Herrscher eine andere Strategie: Sie inszenieren sich selber als "Hüter des Islam". So verstand jeder Araber Saddams Wort von der "Mutter der Schlachten", die der Golfkrieg 1990/91 angeblich war, in genau dem massenwirksamen Sinn, wie er vom irakischen Diktator gemeint war: als Anspielung auf die "Mutter der Bücher", den Koran.

Die Islamische Gruppe entstand nach 1967 an der Universität Kairo und verlagerte später ihre Aktivitäten nach Oberägypten. Dort konnte sie unbehelligter agieren. Ihre Anhänger und Aktivisten waren zunächst Arbeitslose, Studenten und Gastarbeiter mit geringer Schulbildung aus Oberägypten, die in den Golfstaaten zu Geld gekommen waren und den dortigen konservativen Islam auch in ihrer Heimat wollten.