Die Verantwortlichen im amerikanischen Verlag Simon and Schuster müssen sich die Hände gerieben haben: Artikel in Magazinen wie Newsweek, Spiegel und Focus würdigten Anfang Juni das gerade veröffentlichte Buch "Der Bibel Code" von Michael Drosnin (in Deutschland bei Heyne erschienen). Darin stellt der Autor die Behauptung auf, die Bibel (genauer gesagt die fünf Bücher Mose) enthalte in codierter Form Prophezeiungen für viele Ereignisse, die nach ihrer Niederschrift passiert sind - darunter der Holocaust, die Präsidentschaft Bill Clintons sowie die Ermordung von Jitzhak Rabin im Jahr 1995.

Bild machte gleich eine fünfteilige Serie aus dem Thema ("Jedes große Ereignis steht im Buch der Bücher"). Aber auch wenn die anderen Blätter zurückhaltend (Focus) bis spöttisch (Spiegel) berichteten - jede Werbung ist gute Werbung, und so war der Erfolg des Werkes nicht mehr aufzuhalten. Drosnin wurde zur Talk-Show-Königin Oprah Winfrey eingeladen, sogar die Filmrechte für den "Bibel Code" sind angeblich schon verkauft.

Drosnin beruft sich auf Untersuchungen des israelischen Mathematikers Elijahu Rips, der bereits 1994 in der Fachzeitschrift Statistical Science die These aufgestellt hatte, im Text des Alten Testaments seien auffällig viele Wörter codiert. Die Verschlüsselung läßt sich entziffern, wenn man den Text fortlaufend, ohne Wortzwischenräume und Satzzeichen hinschreibt und dann nur jeden 2., 3. oder auch 1456. Buchstaben auswählt. Die Lettern lassen sich dann wie eine Art Kreuzworträtsel anordnen, in dessen Zeilen, Spalten oder Diagonalen bisweilen Wörter zu entziffern sind - "Apollo" und "Raumschiff", "Kobe" und "Erdbeben", "Kennedy" und "Dallas".

Daß in den 304 805 hebräischen Schriftzeichen der Tora tatsächlich alle zukünftigen Ereignisse vorhergesagt sein sollten, ist eine für westliche Geister doch eher abstruse These. Drosnin stützte die angebliche Seriosität seiner Behauptung vor allem auf drei Argumente: Rips' Arbeit sei in einer seriösen Zeitschrift erschienen (dazu der damalige Herausgeber von Statistical Science, Robert Kass: "Wir veröffentlichen auch amüsante Aufsätze"). Er selbst habe die Ermordung von Rabin aus dem Code herausgelesen und vergeblich versucht, den Premierminister zu warnen. Und schließlich sei es extrem unwahrscheinlich, derart viele zusammenpassende Wörter wie "Hitler" und "Nazi" in einem Text codiert zu finden - an einer Stelle beziffert Drosnin die Chance auf 1 : 3000. Der Zeitschrift Newsweek gab er schließlich zu Protokoll: "Wenn meine Kritiker eine verschlüsselte Nachricht über die Ermordung eines Premierministers in dem Roman ,Moby Dick' finden, glaube ich ihnen."

Der australische Mathematiker Brendan McKay machte sich ans Werk und behandelte den englischen Text von "Moby Dick" nach der gleichen Methode, die Drosnin angewandt hatte. Dabei ist zu bemerken, daß es im Hebräischen keine Vokale gibt. Das bedeutet, daß dort die Silben mehrdeutig sind und außerdem die Wörter kürzer - auf diese Weise sind die Chancen, auf sinnvolle Codierungen zu stoßen, ungleich größer als im Englischen oder Deutschen. Trotzdem fand McKay binnen kurzer Zeit gleich mehrere Prophezeiungen in Melvilles Roman: Die Morde an Indira Gandhi, Leo Trotzkij, Martin Luther King und John F. Kennedy ließen sich offenbar durch geschicktes Arrangement der Buchstaben aus dem Text herauslesen. Auch Rabins Tod und der tragische Unfall von Lady Di kündigten sich in dem Wal-Roman an. Nicht ohne eine Portion schwarzen Humors enthüllt McKay schließlich die Umstände des Ablebens von Autor Michael Drosnin: In unmittelbarer Nachbarschaft finden sich die Begriffe "MDrosnin", "nail", "killed". Und das nahe stehende Wort "liar" (Lügner) sagt uns, was wir von Drosnins Werk zu halten haben.

Zu ähnlichen Ergebnissen wie McKay kommt David E. Thomas, ein bekannter Skeptiker, dessen Spezialität die Widerlegung von Ufo-Geschichten ist. Für die Novemberausgabe der Zeitschrift Skeptical Enquirer nahm sich Thomas die englische King-James-Version des Alten Testaments vor und stieß dort nach kurzer Suche auf den Ort Roswell und die Buchstaben Ufo - wußte also schon die Bibel von der Landung der Außerirdischen im Jahr 1947? Als nächstes begann der Physiker mit einer systematischen Suche nach Begriffen, parallel im Buch Genesis der englischen Bibel und in einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofes der USA. Das für rationale Geister nicht gerade überraschende Ergebnis: In beiden Texten lassen sich kurze Wörter öfter finden als lange, Wörter mit häufig vorkommenden Buchstaben finden sich auch besonders häufig. Einmal in Fahrt, konnte auch Thomas viele Begriffspaare aufstöbern, in die Orakelsüchtige einiges hineininterpretieren können: "comet", "Hale", "Bopp" und "died", "Los Alamos", "atom" und "bomb". "Hitler" zusammen mit "Nazi" fand er gleich dutzendweise in mehreren Texten.

Fazit der beiden Untersuchungen: Wer suchet, der wird mit Computerhilfe in jedem Text geheimnisvolle Anspielungen finden, vor allem auf vergangene Ereignisse. Oder, in Thomas' Worten: "Die Quelle des ,Bibel Code' ist enthüllt - es ist der Homo sapiens." Diese Enthüllung wird allerdings weniger Schlagzeilen machen als Drosnins Buch.