Allem Ungemach zum Trotz haben sie im "Hubertus-Grill", kaum zehn Minuten vom Stadion im Dortmunder Kreuzviertel entfernt, die Ruhe weg. Bei der Einnahme des Stammgerichts mit Pils, Pommes und Jägerschnitzel bereitet man sich hier mental auf die Spiele des BVB vor. Mag sein, daß die Friteusenschwaden den Blick auf die Realitäten, die Bundesligatabelle und den Punktestand der Borussia, verschleiern, noch ist Dortmunds Fanlager weder verzagt noch verzweifelt. Zwischen Eiche rustikal witzelt man milde über die endlose Verletzungsmisere von Nationalspieler Matthias Sammer und fragt sich, ob dem kranken Libero am Ende nur fünf statt sechs Millionen Jahresgehalt bleiben, wegen ausgefallener Prämien. Man amüsiert sich über das brüchige Deutsch des zu Saisonbeginn verpflichteten italienischen Trainers Nevio Scala. Und man juxt über Dortmunds jüngsten Spielerkauf, den niederländischen Stürmer Harry Decheiver: "Wenn wir jetzt schon Holländer brauchen so wie die in Schalke, dann ist die Lage doch verdammt ernst."

Aber Abstieg? Daran will man im "Hubertus-Grill" so wenig glauben wie ein paar hundert Meter weiter, auf der Geschäftsstelle des amtierenden Europapokalsiegers. "Wir wollen Stammgast in der Champions League sein", hatte Klubchef Gerd Niebaum noch vor wenigen Wochen als Zukunftsparole ausgerufen. Auf der Südtribüne oder in den Kneipen nehmen die Fans deshalb den augenblicklichen Tabellenstand als Laune des Schicksals. Es wird schon wieder. Dabei mutet der rasante Absturz von Deutschlands erfolgreichstem Klub der neunziger Jahre wie eine geplante Kampagne an - gegen alle Pläne, Bundesligaklubs künftig an die Börse zu bringen.

Auf der Nordtribüne, wo im Westfalenstadion die Gästefans stehen, hissen sie inzwischen hämische Plakate, um Dortmunds Millionentruppe zu verhöhnen: "Viel Spaß im Abstiegskampf" wünschten die Fans von Hansa Rostock, "Dortmund-Meppen, 160 Kilometer" gaben die Anhänger von Bayern München Nachhilfe in Zweitligageographie.

Nach dem hilf- und chancenlosen Dortmunder 0 : 2 gegen den FC Bayern ermittelten die Statistiker den taumelnden Champions-League-Sieger als "schlechteste Mannschaft der letzten zehn Bundesligaspiele". Die Sportseiten der Zeitungen zeichnen Untergangsszenarien von Deutschlands teuerster Fußballmannschaft. Und in die Kakophonie des Dortmunder Grauens tropft ab und zu die Krankmeldung eines weiteren Stars. "Reha-Zentrum mit angeschlossenem Bundesligaverein" heißt das im Fanjargon.

Doch die Lazarettliste hat viel zu lange als Entschuldigung für das seltsame Schwächeln der Mannschaft gelten dürfen. Schon in der Rückrunde der vergangenen Saison wurden die sportlichen Warnsignale ignoriert. Die schlechteste Rückrunde in der bis dahin sechsjährigen Amtszeit von Meistertrainer Ottmar Hitzfeld war - dank des triumphalen Gewinns der Champions League - schon verdrängt, bevor sie richtig zu Ende war. BVB-Präsident Gerd Niebaum, der als Vorreiter der Umwandlung von Bundesligavereinen in Aktiengesellschaften auftritt, um auf diese Weise die Geldbeschaffungsmaschine Borussia erst richtig auf Touren zu bringen und noch höhere Gehälter für Stars finanzierbar zu machen, wollte von Schwachstellen im Team nichts wissen. Saisonziel: Deutscher Meister werden.

Dabei spielte die BVB-Mannschaft schon in der letzten Saison monatelang nur noch im Europapokal auf höchstem Niveau. In der Bundesliga machten sich beim damaligen deutschen Titelverteidiger die Verschleißerscheinungen bemerkbar. Die mit selbstbewußten, aber oft maladen, nicht mehr ganz frischen Stars gespickte Mannschaft hatte sich allmählich von ihrem Meistermacher Ottmar Hitzfeld distanziert, war in Grüppchen zerfallen und im Grunde nur noch durch extreme Erfolgsanreize zusammenzuhalten. Nicht aber durch banale Bundesligaspiele in Bielefeld oder Bochum. Der gestreßte Trainer forderte deshalb eine personelle Runderneuerung, um "eine neue Dynamik in die erstarrte Mannschaft" zu bringen.