Dortmunds Präsident Niebaum aber schlug den Rat seines Trainers aus. Statt alternde, nörgelnde Spieler auszuwechseln, verkündete der BVB-Chef, die Verstärkung komme diesmal aus der Reha-Klinik. Insider und Sponsoren hatten schon seit über zwei Jahren beobachtet, daß der Präsident, trotz anhaltender Erfolge, auf Distanz zu seinem offiziell stets gehätschelten Trainer gegangen war. Statt dem Fußballehrer vertraute Niebaum den Beschwerden seiner Stars, von denen einige dem Präsidenten auch persönlich ans Herz gewachsen sind. So etwa Spielmacher Andreas Möller, der im Hause Niebaum beinahe den Rang eines Adoptivsohns erreicht haben soll. Letztes Signal: Den Vertrag mit Hitzfelds erbittertstem Gegner in der Mannschaft, dem 35jährigen, von Hitzfeld ausgemusterten Kapitän Michael Zorc, verlängerte Niebaum bei einem Mittagessen per Handschlag. Ohne Rücksprache mit Manager Michael Meier und Trainer Hitzfeld.

Genüßlich behauptet seither Uli Hoeneß, Manager des Erzrivalen Bayern München, die Dortmunder Spieler seien "zu mächtig" und Hitzfeld sei "abgeschossen worden". Profis seien nun mal Egoisten.

Über vierzig Millionen Mark an Spielergehältern muß Dortmund im Jahr aufbringen. "Viel Schmerzensgeld für den Standortnachteil im Vergleich zum FC Bayern München" sei darin enthalten, meinen Kenner der BVB-Szene. Die teuersten Spieler würde man selbst dann nicht mehr los, wenn man es wollte. Denn nach dem Bosman-Urteil besitzen die meisten Stars langjährige Verträge, die so hochdotiert sind, daß sie nur bei erheblichem Einkommensverzicht anderswo unterzubringen wären. Spieler wie Möller (geschätzte 5 Millionen), Reuter (4 Millionen), Freund (knapp 3 Millionen) oder der Schweizer Chapuisat (2,5 Millionen), die alle gerade ihre Posten in der Nationalmannschaft zu verlieren drohen, müßten daher fast zwangsläufig weiterbeschäftigt werden. Die Jungstars der Liga entscheiden sich in diesen Wochen dagegen reihenweise für die Konkurrenz in München, egal ob sie Salihamidzic, Linke oder Jeremies heißen. Dortmund zieht den kürzeren.

Die radikale Abkehr von der aggressiven Einkaufspolitik der letzten Jahre läßt viele Beobachter vermuten, daß allzuviel vom inzwischen auf 140 Millionen Mark angeschwollenen Jahresumsatz direkt auf den Konten der Starspieler landet. Für sinnvolle Erneuerung bleibe deshalb kaum Raum. Manager Meier wird trotzdem nicht müde zu predigen, daß es dem BVB wirtschaftlich nie so gut gegangen sei. Die Prophetie seines Präsidenten allerdings, Dortmund könne "zur Not auch vier Jahre ohne internationalen Wettbewerb auskommen", bestätigt Meier wohlweislich nicht.

Tatsächlich dürfte schon das Verpassen der Teilnahme an der Champions League den Dortmunder Etat erschüttern. Durch den überstürzten Wechsel des Trikotsponsors gleich nach dem Champions-League-Endspiel sollen dem Verein ohnehin Millionen verlorengegangen sein, weil die Euphorie der Fans nicht in den lukrativen Verkauf von Siegertrikots umgesetzt werden konnte. Ohnehin waren die Trikots mit dem Emblem des neuen Werbepartners erst mit wochenlanger Verspätung lieferbar. Währenddessen wurde Meistercoach Hitzfeld mit hoher Gage - kolportiert werden zwischen 2,5 und 3,5 Millionen Mark pro Jahr - auf den praktisch kompetenzfreien Posten des "Sportdirektors" wegbefördert. "Meine Funktion ist es, neue Spieler zu suchen. Außerdem studiere ich andere Spielsysteme und bilde mich fort", sagt Hitzfeld dazu. Dem neben Otto Rehhagel angesehensten deutschen Trainer der neunziger Jahre flattern wöchentlich Angebote ins Haus, derzeit etwa vom FC Barcelona oder vom Schweizer Fußballverband. Warum er trotzdem bleibt? Zum einen macht sein Sohn Matthias erst 1999 in Dortmund Abitur, zum anderen scheint er sich als Stachel im Verein derzeit nicht unwohl zu fühlen.

Für Hitzfeld kam in Dortmund Nevio Scala. Wie es um die Autorität des neuen Trainers bestellt ist, läßt sich nach jeder neuen Pleite besser erahnen. Die Nationalspieler Reuter und Kohler brüllten den freundlichen, aber nicht minder cholerischen Scala nach einer Niederlage in Bielefeld wegen "taktischer Fehler" so laut an, daß es am nächsten Tag in allen Zeitungen stand. Spielmacher Möller wird von dem Trainer, der den Provinzverein AC Parma in sieben Jahren zum europäischen Spitzenklub formte und danach vor dem Eigensinn der Stars kapitulierte, seit Saisonbeginn mit einer ungeliebten, taktischen Sonderrolle als Stürmer bedacht. Seitdem quittiert der einflußreiche Möller Fragen nach dem Unterschied zwischen Hitzfeld und Scala mit dem Hinweis: "Dazu muß man sich ja nur den Tabellenstand ansehen."

Trainerveteran Udo Lattek wertete vergangene Woche Scalas gebetsmühlenhaftes "Ich bin stolz auf meine Mannschaft" im Fachblatt Kicker als Anbiederung bei den Stars. Und Scala selbst erklärte einem italienischen Journalisten nach Dortmunds 2 : 0-Sieg im Champions-League-Spiel gegen seinen ehemaligen Verein Parma: "Die Situation ist schwierig hier. Die Spieler sind nicht so wie in Italien. Und ich stehe beim Training mit dem Wörterbuch auf dem Spielfeld und kann mich nicht so ausdrücken, wie ich es gerne möchte."