Den Ungehorsam aus Respekt schätzen wir nicht erst seit Max Brod. Jener hat die Schriften seines Freundes Kafka nicht verbrannt, obwohl der es ihm aufgetragen hatte. Auch Margie hatte zuviel Respekt. Gatte Curd Jürgens trug ihr auf, nach seinem Tod den Swimmingpool ihrer Villa nahe Nizza abzulassen, um den kompletten Nachlaß darin aufzuschichten und ein Freudenfeuer zu veranstalten. Margie hat es nicht getan.

Ein großes Fest hätte es nach der Beerdigung im Juni 1982 geben sollen, schön mit Schnittchen und Schampus, mit allem Drum und Dran. Und am Ende mit der feierlichen Inbrandsetzung der riesigen Sammlung von Zeitungsausschnitten, Film-, Theater- und Fernsehkritiken, den Stapeln von Premierenplakaten, Liebesbriefen und Auszeichnungen, von 3000 Photos, zahllosen Andenken und etlichen Dreh- und Tagebüchern. Pfeifendeckel!

Nach einer Schonfrist von fünfzehn Jahren ließ nun Witwe Margie den kompletten Jürgens-Nachlaß in vierzig große Umzugskartons packen, aus der Rivieravilla schaffen und spendierte ihn dem Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main. Dort wird er am 21. November offiziell übergeben, danach darf das Publikum bis zum 7. Dezember Prachtstücke und Pretiosen bestaunen.

Gestaunt wird werden. Denn warum wohl wollte der Schauspieler, der es nach dem Zweiten Weltkrieg neben Romy Schneider als einziger Deutscher zum glamourösen Weltstar brachte, seinen Nachlaß verbrennen? Fürchtete er um seinen Ruf? Gab es etwas zu verbergen?

Galt doch der Mann, den Brigitte Bardot bei den Dreharbeiten zu "Und immer lockt das Weib" verängstigt einen immense armoire normande nannte, bis zuletzt als gnadenloses Rauhbein, als charmanter Schwerenöter und polyglotter Lebemann. War das vielleicht nur eine Fiktion? Von wegen!

Denn hat man sich in den Räumlichkeiten am Frankfurter Schaumainkai erst einmal durch die Festmeter von Pressematerial gekämpft, all die goldenen Filmbänder und Kameras, die Ehrenlöwen und den Biennale-Kübel von 1955 beiseite geschoben und sich endlich zu den privaten Aufzeichnungen durchgestöbert, meist ledergebundenen kleinen Kladden, Agenden und Tagebüchern, dann zeigt sich beim neugierigen Durchblättern ein Filmstar, wie er eigentlich wünschenswerter nicht sein könnte: ein gnadenloses Rauhbein, ein charmanter Schwerenöter und polyglotter Lebemann von Welt: "4 h früh, Wecker gestellt", notiert Jürgens frühtaufrisch unter dem 3. August 1970. "Verlasse Cesar's Hotel in Tijuana. Morgendlich schnelle Fahrt nach L.A. in die Sonne. Frühstück, Pool & Schlaf." Jawohl, so muß es sein!

Und am nächsten Tag, nach harter Dreharbeit mit Jacqueline Bisset: "Jacqueline im Nachthemd: Der schönste Busen." Recht hat er. In einem Karton stapelweise Partyphotos: C.J. feiert mit Alain Delon, C.J. feiert mit Romy, mit Gunter Sachs und Weib Brigitte, mit Robert Mitchum und natürlich Orson Welles, mit Hinz und Kunz, wie Gott in Frankreich und Jürgens in der ganzen Welt.