Telegramme finden sich: Zusammen mit Gattin Liz dankt Kumpel Richard Burton für den schönen Aufenthalt in der Traumvilla bei Nizza. Carl Zuckmayer gratuliert "begeistert und beglückt" zur Premiere jenes Films, der dem aufstrebenden Teufelskerl Jürgens 1955 zum internationalen Durchbruch verhelfen wird. Mindestens zwei Jahre, meint Kustos Hans-Peter Reichmann, werde es noch dauern, bis der Nachlaß vollständig gesichtet und wissenschaftlich aufbereitet sei.

Weiterstöbern: Da, das Originaldrehbuch von "Des Teufels General". Aber wer hinterließ auf dem grauen Pappumschlag in frivoler Schnörkelschrift die geheimnisvollen Worte "Ich liebe Dich! Bitte glaub es mir"? Und da! Zwischen Photokartons schimmert eine speckige Ledertasche, darin vier Dunhill-Tabaksdosen und zwei Pfeifen mit ellenlangem Strohhalmmundstück. Paßt das? Muß einer wie er nicht großkalibrige Zigarren rauchen? Das Bild des blonden Bonvivants und Megamachos bekommt allmählich Risse.

Wer nur schrieb am 21. Juli 1972 in sein Tagebuch: "Traum vom Abgrund neben dem Bücherregal"? Er selbst? Wer kritzelte gar mit zitternder Hand, womöglich einsam und gerade verlassen von Simone, Ehefrau Nr. 4: "Das Haus ist noch so erfüllt von S., daß ich es kaum ertrage. Nachts ohne Schlaf. Ich bete!"

Ein Verdacht bricht sich Bahn: der Schinderhannes und Teufelsgeneral, der Steiner I und sogar II, der semmelblonde Haudegen Curd Jürgens - war er am Ende gar nicht der, für den er sich ausgab? War alles nur gespielt?

Mußte denn einer, der so selbstverständlich zwischen den Wohnsitzen in Wien, Gstaad, St-Paul-de-Vence und Zürich hin und her jettete, mußte der nicht schon von Natur aus reich sein? So einer hätte doch niemals nach der Premiere von Wolfgang Staudtes Trümmerfilm "Die Mörder sind unter uns" begeistert über gespartes Geld geredet ("mit unerhörten Effekten scheinbar ganz billig inszeniert"), wie es der Tagebucheintrag vom 12. Januar 1947 glauben machen will. So einer hätte doch nie im Leben fünf Tage später vermerkt: "Die Katze, die sich in den Schwanz beißt: Wir wollen sparen, deshalb kaufen wir nichts zum Kochen, da wir nichts zum Kochen haben, gehen wir in den Club und machen dort Riesenzechen." Oder doch? Gab es vielleicht, ohne daß wir etwas davon ahnten, zwei normannische Kleiderschränke? Einen sympathischen Angeber Jürgens und ein nachdenklich an der Filigranpfeife nuckelndes Sensibelchen, das vor dem Zubettgehen die Hände faltet?

"Ich, normannischer Schrank, Koloß auf tönernen Füßen" wollte er seine Biographie nennen. Doch der Verleger war kein bißchen weise und setzte einen anderen Titel durch. Sollte da etwas vertuscht werden, was nun Karton für Karton ans Licht kommt? Ein womöglich ganz normales Leben?

Wer war der Mann, der das Drehbuch seiner ersten Regiearbeit, des 1949 entstandenen Films "Prämien auf den Tod", liebevoll mit der Aufschrift "Meine erste Regiearbeit" beprägen ließ? War das einer, der möglicherweise auch gerne sein schönstes Ferienerlebnis verfilmt hätte?