Nu is' vorbei. Die Kerzenhalter und die Tabatieren, die große Chaiselongue, die Anrichte aus Mahagoni und jener Lehnstuhl, in dem ganz bestimmt gedichtet worden ist, was die Bütte halten konnte ...: perdu!

Das Duineser Schloß, es wird noch stehen, wenn in der Bucht kein Fisch mehr schwimmt. Aber der Zauber jener Dinge, die Rilke selbst berührt hat, ist jetzt in alle Welt verflogen. Genauer: wurde Stück für Stück verhökert, an Liebhaber und Kenner, und an die Sammler, die einfach alles haben müssen, eine Rosenknospe von Konrad Adenauer hier, ein Messerbänkchen aus dem Haushalt Göring dort.

Uns bleibt, wie immer, nur die Erinnerung und das Schietwetter. Hat nicht der Dichter, fragen wir uns mit trübem Blick, den Mund an die blinde Scheibe gepreßt, auch dafür die schönsten, lichtgrauen Worte gefunden? Ist eigentlich der November nicht nur ein Monat im sog. Herbst, sondern gleich ganz eine Jahreszeit für sich? Vor Puttenpo und Gänsekoller, vor Schneegeläut und Strohstern noch einmal ganz den Kopf gesteckt unter den Winterhut des Schicksals?

Das alles weiß in Deutschland einer am besten: das ist der Kurgast auf Sylt. Hier ist er nämlich im November ganz bei sich, allein mit ein paar Autochthonen und den für immer unbehausten Möwen, noch kurz bevor der Einzelhandel den letzten Jahresaufschwung nimmt. Hier gibt's nur Horizont, und davor ein paar Meter Strandgras, und auf der anderen Seite das Vogelgeläuf im Wattenmeer. Hier stört die Einkehr gar nichts mehr, kein Graffito, kein nacktes Fleisch, kein Trainingsanzug und kein lautes Wort.

Hier sitzen jene des Abends stumm beisammen, von denen so gern die Rede ist, wenn man das Ausbleiben der Einkommensteuer beklagt. Sie löffeln sich bei Kerzenschein durchs Krabbensüppchen, und anderntags sieht man sie wieder in den Dünen, den Tod, den bläulichen Absud, schon unterm Gaumen. Melancholie? Mißmut im Zobelpelz, und tiefer Haß auf alles, was noch lebt und etwa lacht und schreit, vierpfötig läuft oder die Zahnlücke des Kindergrinsens zeigt! November in der Seele allezeit, bis schließlich doch die Spur der Fledermaus reißt durch das Porzellan des Abends. Dann ist es auch zu spät, sich nach Italien zu sehnen. Dann is' vorbei.

Finis