Anruf beim Schuldirektor: Es meldet sich die Uni, Fachbereich Maschinenbau. Man wolle, zusammen mit Industrievertretern, den Schülern aus dem Leistungskurs Physik gerne erzählen, welche Chancen ein Ingenieurstudium bietet. Die Antwort: "Das ist mir zu industrielastig. Außerdem ist für Berufsinformation das Arbeitsamt zuständig." So geschehen in einer deutschen Großstadt. Was muß noch alles passieren, bis solche Engstirnigkeit aufhört?

Es ist schon schlimm genug: Die Zahl der Studienanfänger in den Ingenieurwissenschaften hat sich seit Anfang der neunziger Jahre halbiert; im Maschinenbau beträgt der Rückgang zwei Drittel. Industrieverbände fürchten bereits eine Ingenieurslücke. Schöne Aussichten in einem Land, dessen Zukunft von Wissen und Technik abhängt.

Gründe für die gesunkene Studentenzahl gibt es viele. Einer ist die zyklische Einstellungspraxis vieler Unternehmen. Mitte der neunziger Jahre wurde der arbeitslose Ingenieur zum Standardthema der Medien, was nicht ohne Wirkung auf die Berufswahl bleiben konnte. Zur Zeit löst sich der Stau zwar ein wenig, und wer heute - antizyklisch - das Ingenieurstudium beginnt, dürfte in fünf Jahren gute Chancen haben. Aber das grundlegende Problem bleibt: Der Ingenieurberuf ist nicht mehr attraktiv. Zu seinem Image gehören, zu Unrecht, der Lötkolben und der Öldreck unter den Fingernägeln. Der Ingenieur muß hart studieren, tüchtig arbeiten - und verdient doch weniger als der Finanzprofi. Er baut das Handy, das der Yuppie an sein Ohr preßt und über das der Geistesmensch lacht. Im Bild des Erfolgs, das die Werbung zeigt, gruppieren sich Medienmacher, Börsenmakler oder Anwälte. Keine Ingenieure.

Technik fasziniert nicht mehr. Wer sich in Gesellschaft für eine neue Werkzeugmaschine begeistern kann, wird als großer Junge oder hintersinniger Witzbold belächelt. Zwar wird allenthalben Technisches besungen, vom Internet bis zur Solarzelle: Die Funktion interessiert durchaus, das Funktionieren hingegen nicht die Bohne. Mehr noch, Technik steht grundsätzlich unter Soupçon, bei den Gebildeten sogar mehr als bei den Ungebildeten. Es ist der akademische Normalfall geworden, daß solche Theoretiker die Technik "dekonstruieren", die vermutlich noch nie ein Radio auseinandergebaut haben.

Wenn hierzulande über Technik diskutiert wird, macht sich ein nöliger Unterton bemerkbar; sie geht allenfalls als notwendiges Übel durch. In diesen Tagen segnet der Bundestag das Ausstellungskonzept für ein nationales "Forum für Technik und Wissenschaft" ab; ein eher undeutliches Papier, das aber keinen Zweifel daran läßt, daß um Himmels willen keine Begeisterung für die Technik aufkommen soll.

Vielleicht ist diese Reserviertheit ein Reflex jener Zeiten, in denen Technikpropaganda deutschen Weltherrschaftsplänen diente; sicherlich ist sie auch eine Reaktion darauf, daß Gefährdungen der Zivilisation mit technischen Mitteln erzeugt werden. Nur wäre darauf zu achten, daß man nicht, wie Karl Kraus formulierte, aus Schaden dumm wird. Die Menschenwelt ist technisch, sie war es immer, weshalb sie kluge Techniker braucht. Mehr denn je. Auch in Deutschland.

Reklame für das Ingenieurstudium genügt darum nicht. Seine Modernisierung ist gleichfalls notwendig, aber nicht hinreichend: Es wird vielmehr Zeit, den allgemeinen Technikvorbehalt zugunsten informierter Diskussion aufzulösen. Wir dürfen das auch Aufklärung nennen.