In Deutschland, so ist bei uns in Amerika zu hören, ändert sich die Hochschulpolitik. Das ist interessant, und wir werden uns Ihre neuen Hochschulgesetze genau ansehen. Beurteilen werden wir sie anhand der zwei Kriterien, an denen man die Aussicht ihres Erfolges am besten messen kann: Verantwortlichkeit und Wettbewerb.

In diesem Sinne wären Reformen überfällig. Das Universitätssystem in Deutschland leidet schrecklich unter der Last einer atavistischen Ehrfurcht gegenüber Prozeduren, Formalitäten und Hierarchien. Wir Amerikaner schauen sogar mit einem gewissen Verständnis für die Betonung akademischer Rituale nach Europa: Denn nach 200 Jahren haben wir selber einige davon angenommen. Der entscheidende Unterschied ist dennoch, daß wir unsere Bildungspolitik nicht von niederdrückenden Traditionen bestimmen lassen.

Auf welche Weise etwa rekrutieren Sie die Kandidaten für Ihre gutgepolsterten Lehrstühle? Der Bewerbungsprozeß ist veraltet und archaisch, die Standards sind im allgemeinen unspezifisch, und die Berufungen basieren oft auf politischen Überlegungen und persönlichen Kontakten, nicht auf intellektuellen Fähigkeiten und Talenten. Es herrscht enormer Druck, sich anzupassen, sowohl gesellschaftlich als auch wissenschaftlich. Kreativität und Risikobereitschaft werden dadurch allzuleicht im Ansatz erstickt.

Die Situation wird von Professoren verschärft, die sich um freie Stellen bewerben, ohne die ernsthafte Absicht zu haben, ihren eigenen Lehrstuhl zu verlassen. Dadurch verstopfen sie einen ohnehin schon ineffizienten Bewerbungsfluß. Das einzige Ziel dieser Bewerber besteht darin, zu Hause höhere Gehälter und bessere Konditionen zu fordern. Diese Strategie verursacht unnötige Verzögerungen, hält Lehrstühle unbesetzt und bringt Institutionen in Bedrängnis. Ein einfaches Mittel, akademische Produktivität zu erhöhen, wäre es, diese Prozeduren zu beschleunigen, sie klarer und internationaler zu machen und unseriösen Bleibeverhandlungen ein Ende zu setzen.

Sobald sie sich einmal in ihren Fachbereichen eingerichtet haben, werden viele deutsche Hochschullehrer reich belohnt. Einige haben nur acht offizielle Pflichtstunden pro Woche - eine geringe Anforderung, die leicht mißbraucht werden kann. Man kennt unerhörte Fälle, in denen Professoren ihre Verpflichtungen an einem einzigen Tag erfüllen und den Rest der Woche damit verbringen, in ihren eigenen Kanzleien zu arbeiten oder kommerzielle Imperien aufzubauen. Das ist vollkommen legal und wird sogar von den Bundesländern gebilligt, die naiverweise glauben, dies trüge dazu bei, die Kluft zwischen der Geschäftswelt und den akademischen Elfenbeintürmen zu überbrücken.

Hier wären also Änderungen angebracht. Eine weitere - wenn auch im Rahmen der deutschen Beschäftigungsstruktur schwierige - Veränderung wäre es, Dozenten für eine längere Probezeit einzustellen (in den Vereinigten Staaten sind es normalerweise sechs Jahre). Nur nach einer sorgfältigen Bewertung der Leistung auf einer Stelle - mit objektiv meßbaren Kriterien wie externer Forschungsunterstützung, Veröffentlichungen in angesehenen Referenzzeitschriften und internationaler Anerkennung - wäre eine Ernennung auf Lebenszeit möglich. Das klingt vielleicht ein bißchen hart in den Ohren eines Establishments, das, was wissenschatliche Standards betrifft, weich geworden ist. Dennoch trennt es erfolgreich jene, die ein anspruchsloses Leben mit Titel und Freizeit führen wollen, von denen, deren Engagement und Einsatz das Licht deutscher akademischer Leistungen wieder entzünden könnten. Kritiker werden meine Argumente mit dem Weihwasser akademischer Freiheit wegspülen. Nun sind wir in den Kolonien, was Freiheiten angeht, gewiß nicht unsensibel. Aber ich behaupte ganz einfach, daß wir in den Vereinigten Staaten in einer Sicht der Dinge übereinstimmen, die besser, fairer und realistischer ist: daß nämlich Verantwortung aus Flexibilität folgt. Staatsangestellte sollten nicht nur auf dem Papier, sondern auch tatsächlich eine starke Verpflichtung haben, dem öffentlichen Wohl zu dienen. Wenn ich in Deutschland Steuern zahlen müßte, bestünde ich darauf, daß jemand für 120 000 Mark im Jahr länger als acht Stunden in der Woche arbeitet.

Weil die wahren Kosten der Ausbildung unter Subventionen versteckt sind, haben Studenten keinen Ansporn, ihr Studium zügig zu Ende zu bringen. Und weil viele glauben, ein Universitätsabschluß gebe ihnen ein Recht auf einen Arbeitsplatz, bemühen sie sich nur wenig um akademische Leistung. Noch schlimmer ist, daß es keinen Wettbewerbsmechanismus gibt, mit dem die besten Studenten an die besten Universitäten geholt werden. Hochschulen sind auf eine unzuverlässige Bewertung der Studenten angewiesen, und Studenten haben praktisch keine Möglichkeit, ihre Interessen mit der Qualität von Studiengängen abzustimmen, da es keine objektiven Ranglisten der Universitäten gibt. (Die wenigen, die man in der Presse finden kann, leiden unter statistischen Unregelmäßigkeiten, die ihre Ergebnisse zweifelhaft erscheinen lassen.)