Jede Zeit, jede Kultur, jede Sitte und Tradition hat ihren Stil, hat ihre ihr zukommenden Zartheiten und Härten, Schönheiten und Grausamkeiten, hält gewisse Leiden für selbstverständlich, nimmt gewisse Übel geduldig hin. Zum wirklichen Leiden, zur Hölle wird das menschliche Leben nur da, wo zwei Zeiten, zwei Kulturen und Religionen einander überschneiden ... Es gibt nun Zeiten, wo eine ganze Generation so zwischen zwei Zeiten, zwischen zwei Lebensstile hineingerät, daß ihr jede Selbstverständlichkeit, jede Sitte, jede Geborgenheit und Unschuld verlorengeht.

aus Hermann Hesse: "Der Steppenwolf"

Fünf Dollar kostet die Reise mit der Zeitmaschine: 300 Rupien, umgerechnet fünf US-Dollar, entrichtet der ausländische Besucher beim Durchschreiten des nördlichen Stadttors von Bhaktapur - und steht am Ende des 20. Jahrhunderts in einer Siedlung des Mittelalters. Wie weggeblasen sind die Kakophonie der Autohupen, der beißende Abgasgestank Hunderter knatternder Three-wheelers und schwarzdieselnder indischer Tata-Lkw, die im siebzehn Kilometer entfernten Kathmandu die Sinne irritieren. Bhaktapur ist für den Autoverkehr gesperrt.

Drei und vier Stockwerke hoch säumen die aus roten Lehmziegeln erbauten Häuser mit den geschwungenen Dächern die gepflasterten Gassen. Die holzgeschnitzten, filigran verspielten Türen, Säulen und Fensterrahmen sind entsprechend tradierter Handwerkskunst verziert mit dem elefantenköpfigen Gott Ganapati, vielarmigen Verkörperungen Shivas, des Zerstörers und Erneuerers der Welt, der Glücksgöttin Lakshmi und anderen Motiven aus der hinduistischen Mythologie. Bauern wenden mit Holzrechen das in der Oktobersonne trocknende, frisch gedroschene Getreide. Eine Ecke weiter sitzen Töpfer und halten die schweren Steinscheiben mit ihrem Drehstab in Schwung. Mit flinken Händen formen sie Tonschalen, Töpfe, Kannen, Krüge - so wie seit Jahrhunderten.

Bhaktapur, die Stadt der Bauern, Händler und Handwerker, die älteste der drei Königsstädte im Kathmandu-Tal, lag auf dem alten Karawanenweg von Tibet nach Indien. Handel und Zolleinnahmen führten zwischen dem 15. und dem 17. Jahrhundert zu einem märchenhaften Reichtum, der die Herrscher in der Konkurrenz um die prächtigste Stadt zu einem immer formidableren Wettstreit in Architektur und Kunsthandwerk antrieb.

Auf den ersten Blick scheint es so, als hätte Bhaktapur sich abgekoppelt von der Entwicklung, wie sie sich im Kathmandu-Tal seit zwanzig Jahren in immer schnellerem Tempo vollzieht. Doch der Schein trügt. Nach dem Diebstahl eines Großteils der Kunstschätze droht nun die traditionelle Newar-Architektur im Modernisierungsprozeß unter die Räder zu kommen.

Rasant, viele meinen: zu rasant für dieses kleine Land, das bis 1951 abgeschieden und abgeschottet von der Welt lebte, vollzieht sich im Kathmandu-Tal der Wandel von der mittelalterlichen Feudalgesellschaft zu einem neuen Gebilde mit neuen Werten, das sich erst seit 1990 Demokratie nennt. Nach blutigen Aufständen mußte König Birendra einen Teil seiner Befugnisse an ein gewähltes Parlament abgeben. Binnen einer Generation wird Nepal, das einzige Hindu-Königreich der Erde, in dem Dutzende ethnische Gruppen, Hindus und Buddhisten friedlich miteinander auskommen, in die Neuzeit katapultiert - mit allen Friktionen, die ein solcher Prozeß mit sich bringt: Verkehrschaos, Umweltzerstörung, Auflösung traditioneller Sozialstrukturen, Drogenprobleme, eine wachsenden Schere zwischen Arm und Reich.