So etwas kommt selten vor. Ein Dichter, weltberühmt, erfolg- und vermutlich auch sonstwie reich, gesteht, wie er's mit dem Gelde hält: "Meine Beziehung zum Geld war immer getrübt, rätselhaft, voll widersprüchlicher Impulse." Schuld daran ist das Elternhaus, wer sonst - Papa, der Knauser, und Mama, die Verschwenderin. Dazwischen, na klar, der geldgestörte Sohn. In seinen späten Zwanzigern und frühen Dreißigern, so bekennt er, hätten ihn die Geldsorgen schier überwältigt: "Es war ein konstanter, zermürbender, beinahe erstickender Geldmangel, der meine Seele vergiftete und mich in einen Zustand endloser Panik versetzte."

Die Not der frühen Jahre: In Paul Austers gerade veröffentlichter, koketter Mißerfolgschronik ("Hand to Mouth - A Chronicle of Early Failure") kommt sie im Epochenkostüm einer verspäteten "Lost Generation" anflaniert, als romantische Boheme-Misere eines jungen Amerikaners in Paris, der es sich in den Kopf gesetzt hat, sich in Dachkammern im fünften Arrondissement zum Dichter durchzuhungern. Dabei begegnet er den kuriosesten Elendsfiguren: pittoresken Streunern, brotlosen Künstlern, abgewrackten Säufern, in deren alkoholischer Suada noch der Gentleman-Tonfall eines besseren, früheren Lebens nachhallt und nachlallt.

Und während er über pittoresken Gedichten und brotlosen Dramen brütet und abgewrackten Erfindungen wie einem Baseball-Kartenspiel nachhängt, versichert er uns der panischen Allgegenwart der gräßlichsten Geldsorgen. Als eine prekäre, hochgefährdete Existenz, ruinös kippelnd zwischen Absturz und jäher Rettung - so sollen wir den jungen Paul Auster in seinen Pariser und New Yorker Elendsjahren sehen. Wie kommt's, daß es einem als Leser nicht gelingen will, mit dem Hungerkünstler so richtig von Herzen zu bangen und zu barmen?

Die Antwort findet sich bei Thomas Bernhard, möglicherweise. Der hat mit dem amerikanischen Kollegen nicht nur die rücksichtslose Entschlossenheit gemein, sich durch keinen bürgerlichen Beruf vom Schreiben abhalten zu lassen; er hat auch, während er Gedichte schrieb, die keiner verlegen wollte, ähnlich gedarbt und gefrettet, in miserablen Jobs im Österreich der fünfziger Jahre, wie jener in den siebziger Jahren in Frankreich.

Und später, zu Ruhm und Erfolg gelangt, ist auch Thomas Bernhard in seinen autobiographischen Erzählungen noch einmal auf seine frühen Armutsjahre zurückgekommen, als er gleich Paul Auster von der Hand in den Mund lebte und an der Chronik seiner Mißerfolge laborierte. Während wir von ihrer Jugendmühsal lesen, wissen wir zugleich, daß wir ganz beruhigt sein können: Beide haben es längst glänzend geschafft. Woran liegt es aber dann, daß die wohlfeile Armutskoketterie, die bei Auster so stört, bei Bernhard nie aufkommt?

Auster ist ein behütetes Bürgerkind aus gediegener Mittelstandsfamilie. Bernhard ist der lungensüchtige, illegitime Sohn einer Hausgehilfin, Vollwaise seit dem 19. Lebensjahr und mäusearm von Geburt an - er muß die Armut nicht erst probeleben. Auster tändelt mit der Verelendung, Bernhard weiß, was es heißt, elend zu sein. Auster fürchtet sich ganz bürgerlich vor dem Augenblick, da das Bankkonto leer ist. Bernhard kennt diese Angst nicht, denn er hat gar kein Konto. Den Vater, der den jungen Auster schlimmstenfalls hätte auslösen können, wenn aus dem Armutsspiel Ernst geworden wäre, hat der junge Bernhard nie gehabt. Von der seelenvergiftenden Austerschen Panik aus Geldmangel weiß er sich frei. Seelenruhig verfolgt er sein Lebensprojekt, an dem sich sein eigentliches Genie erweisen sollte: Mit Hilfe aristokratischer Gönner modelliert er sich selber zum Edelmann und reichen Privatier. Die bürgerlichen Zwänge Austers hat er glatt übersprungen.