Ferdinand Piëch liebt es, sich und seinen Mitarbeitern hochgesteckte Ziele zu setzen. "Wir wollen der attraktivste Autohersteller Europas werden", fordert der ehrgeizige Chef des Volkswagen-Konzerns schon länger, "für die Mitarbeiter, die Kunden, die Aktionäre und im Ansehen."

Der Enkel des genialen Käfer-Erfinders Ferdinand Porsche hält freilich auch viel von Überraschungen, vor allem von der Art, die der Konkurrenz Rätsel aufgibt oder noch besser: sie schockt. Am Freitag vergangener Woche war es wieder einmal soweit: Volkswagen bekundete aus heiterem Himmel ein "prinzipielles Interesse" daran, den britischen Luxuswagen-Hersteller Rolls-Royce ganz oder teilweise zu übernehmen. Die nobelste Automarke der Welt unter dem Dach des Massenherstellers VW?

Die Öffentlichkeit staunte, der Kurs der VW-Aktie fiel, und in den Konzernzentralen von BMW und Daimler-Benz begannen die Strategen, neu nachzudenken. Auf Piëchs Manöver war keiner so richtig vorbereitet gewesen. Zwar kursierten im Vorfeld vage Gerüchte, aber mehr nicht. Dem extrem mißtrauischen VW-Chef gelang es sogar nach Bekanntwerden des Kaufinteresses, die genauen Details seines Plans unter der Decke zu halten - eine Disziplin an der Wolfsburger Konzernspitze, die Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Großaktionär Gerhard Schröder mit Belustigung schon einmal so kommentierte: Piëch nehme es mit top secrets so ernst, daß er sich die wirklichen Geheimnisse nicht einmal selbst erzähle.

Um so trefflicher läßt sich nun über die wahren Absichten des VW-Chefs spekulieren. Fest steht, so hat er oft genug erklärt, daß er die Wolfsburger Volksmarke erheblich aufwerten will. "Zur Jahrtausendwende werden Sie bei uns Autos mit einem Preis von 15 000 bis 150 000 Mark kaufen können", kündigte Piëch mehrfach an und machte zugleich klar: "Sie werden überrascht sein, daß ein VW für 150 000 Mark all das hat und kann, wofür andere Marken 200 000 Mark und mehr von Ihnen verlangen." Die anderen - das sind die Spitzenmodelle von BMW und Mercedes (Daimler-Benz) mit einem 12-Zylinder-Motor unter der Haube.

Einen Motor, den ersten aus Wolfsburg, mit ebendieser prestigeträchtigen Zylinderzahl stellte Piëch vor wenigen Wochen auf der Tokioter Motorshow vor. Für eine top of the line-Limousine von Volkswagen wäre ein solches Triebwerk (mit 5,6 Liter Hubraum und 420 PS) ebenso geeignet wie für die legendären Fahrzeuge von Rolls-Royce und der Schwestermarke Bentley aus Crewe in der Grafschaft Cheshire. Die Briten andererseits benötigen dringend neue Antriebsaggregate mit günstigerem Benzinverbrauch, weil sie mit ihren betagten V8-Motoren, die von General Motors stammen und kaum weniger als dreißig Liter auf hundert Kilometer konsumieren, in wichtigen Märkten wie den Vereinigten Staaten zunehmend auf Schwierigkeiten stoßen.

Ein High-Tech-Motor als Schlüssel zum Aufstieg in die automobile Oberklasse: Dem Vollbluttechniker Piëch ist so ein Gedanke lange vertraut. Mit genau dieser Methode schaffte er es nämlich in gut eineinhalb Jahrzehnten, die VW-Tochter Audi zu dem zu machen, was sie heute ist - einem ernstzunehmenden Konkurrenten für BMW und Mercedes. Die Stationen auf dem Weg der Imagewandlung (Slogan: "Vorsprung durch Technik") waren Pionierleistungen wie Vierradantrieb, Dieselmotoren mit Direkteinspritzung und Aluminium-Karosserien. Piëchs einleuchtendes Kalkül in Sachen VW: Die Topmaschine wäre deutlich kostengünstiger zu produzieren, wenn dank eines Liefervertrags mit Rolls-Royce die jährlichen Stückzahlen stiegen, und außerdem verspricht ein solcher Kontrakt reichlichen Imagegewinn, den die Wolfsburger für ihren Aufstiegskampf gut gebrauchen könnten.

Doch die ganze Sache hat einen großen Haken, der auch den Börsianern sofort aufgefallen ist und dafür sorgte, daß die VW-Papiere erst einmal fielen, nachdem Piëchs Interesse an Rolls-Royce die Runde machte. Einfach als fünfte Marke neben VW, Audi, Seat und Skoda kann sich niemand in der Branche die britische Kostbarkeit unter dem Wolfsburger Konzerndach vorstellen.