Deshalb favorisiert Piëchs Strategietruppe mit dem Vorstand Jens Neumann an der Spitze angeblich diesen pfiffigen Plan: VW will nur eine Beteiligung, das muß nicht einmal die Mehrheit sein, an Rolls-Royce erwerben, um den Motoren-Liefervertrag abzusichern. Zusätzlich soll ein Management-Buy-out unterstützt werden. Der Reiz dabei: Die nationale Institution Rolls-Royce bliebe formal in britischer Hand, womit all jene Kritiker kalmiert wären, die seit Jahren den Ausverkauf der Automobilindustrie im Königreich - und diesmal sogar des Hoflieferanten - beklagen. So gehören Jaguar und Aston Martin, die Lieblingsmarke von Prinz Philip, längst zu Ford, Vauxhall zu General Motors, Lotus einer Investorengruppe aus Malaysia und Rover - seit 1994 - zu BMW.

Ein Indiz dafür, daß Piëch schon länger Pläne in dieser Richtung schmiedet, sind die außergewöhnlich freundlichen Begleitumstände eines denkwürdigen Managerwechsels. Im Frühjahr verließ der Audi-Vorstand für Vertrieb und Marketing, der Brite Graham Morris, seinen Posten und trat ohne die sonst übliche Berufsverbotssperrzeit als Chef bei einem neuen Arbeitgeber an: Rolls-Royce. Im Rückblick erscheint es schon verwunderlich, daß Morris nach nur 22monatiger Tätigkeit im Audi-Vorstand laut offizieller Lesart "aus familiären Gründen" die schnelle Rückkehr auf die Insel ermöglicht wurde. Eigentlich sollte Morris nämlich den Audi-Verkauf neu organisieren, nachdem der unselige enge Verbund mit der VW-Absatzorganisation gelöst war - und Piëch hatte große Erwartungen in den Briten gesetzt.

Womöglich tut er das immer noch. Kämen die Wolfsburger bei Rolls-Royce tatsächlich zum Zuge, hätten sie von Anfang an einen Manager ihres Vertrauens zur Verfügung, vertraut mit britischen Verhältnissen wie auch mit Piëchs Ideen.

Doch wahrscheinlicher ist, daß der 48jährige Rolls-Royce-Chef von seiner Vergangenheit eingeholt wird - und die heißt BMW. Als der Münchner Konzern 1994 überraschend den einzig verbliebenen englischen Großserienhersteller Rover schluckte, war Morris dort Vertriebschef und ging kurz darauf im Unfrieden zu Audi. Jetzt besitzt der BMW-Vorstandsvorsitzende Bernd Pischetsrieder wieder die besten Karten, des Briten oberster Boß zu werden und Piëchs Pläne zu durchkreuzen.

Denn die Bayern, so ist es seit längerem vertraglich festgeklopft, sollen die 8- und 12-Zylinder-Motoren liefern, die vom Frühjahr 1998 an in der neuen Generation von Rolls-Royce und Bentley für komfortablen Vortrieb sorgen. Diese ersten grundlegend neuen Modelle seit fast dreißig Jahren können nicht von heute auf morgen mit Aggregaten anderer Hersteller bestückt werden. Andererseits hat BMW das Recht, die Motorenversorgung zu stoppen, wenn die Eigentumsverhältnisse bei Rolls-Royce sich ändern.

Das und weitere enge Lieferbeziehungen für Bremssysteme, Sitze, Airbags und diverse elektronische Bauteile, die den BMW-Anteil an den neuen Edelkarossen auf bis zu fast fünfzig Prozent hochtreiben, verschaffen Pischetsrieder in den bevorstehenden Verhandlungen eine privilegierte Stellung gegenüber Piëch und allen anderen Interessenten, die sich noch nicht offiziell zu erkennen gegeben haben wie angeblich Toyota oder sogar feste dementierten wie Daimler-Benz. Der BMW-Chef, der erstmals in der vergangenen Woche öffentlich Farbe bekannt hatte ("Ja, wenn es sich betriebswirtschaftlich rechnet"), konnte sich deshalb auch nach dem überraschenden Vorstoß von VW "ganz locker" (Pischetsrieder) zurücklehnen. Als ob ihn die Konkurrenz kaum tangiert, kommentierte er dieser Tage: "Wir haben bisher keine Ahnung über die Zahl der Mitbewerber."

Trotz der starken Position ist die Sache für BMW noch lange nicht gelaufen, denn die Münchner sind weit davon entfernt, den geforderten Preis von etwa 1,2 Milliarden Mark zu akzeptieren. Die Rolls-Royce-Muttergesellschaft Vickers, die ihr Geld vor allem im Rüstungsbereich verdient und die Automanufaktur mit dem königlichen Image Ende Oktober schnöde auf die Verkaufsliste gesetzt hatte, will sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Vickers-Chef Sir Colin Chandler: "Die Zeit dafür ist reif." Und den Preis hält er für überaus angemessen, da Rolls-Royce seit einigen Jahren wieder mit Gewinn arbeitet. Sein Managerkollege Chris Woodwark, Vorgänger von Morris auf dem Chefsessel in Crewe, assistiert: "Es besteht die Gelegenheit, die berühmteste Automarke der Welt zu besitzen und zu führen. Solch eine Chance gibt es nur einmal im Leben."