Köln

Von Zeitgeist keine Spur. Fritz W. Scharpf (Jahrgang 1935) und Wolfgang Streeck (Jahrgang 1946) sprechen pointiert und präzise über das, was sie umtreibt: Staat, Politik, Demokratie, Kapitalismus und Markt. "Macht kann Lernen verhindern", urteilt der Ältere. Der Widerspruch zur Idealwelt müsse erst ganz groß werden, bevor die Politik sich umorientiere. Zu solchem Lernen, das der Politik schwerfällt, möchte das Kölner Duo, die beiden Direktoren des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, beitragen.

Wir sprechen im Institut, das im Grüngürtel der Stadt liegt, nahe der nervösen City. Streeck ist Soziologe von Haus aus, Scharpf Politikwissenschaftler und Jurist. Beide denken jenseits der Fächergrenzen über die Zukunft des Wohlfahrtsstaates und seine institutionellen Grundlagen nach. Beide sezieren den Geist des Kapitalismus im Zeitalter seines Sieges. Und beide möchten wissen, was das für die Gesellschaften heißt.

Scharpf und Streeck befanden sich bereits auf der Umlaufbahn einer Forscherkarriere in den Vereinigten Staaten; aber sie entschieden sich dann zur Rückkehr. Geblieben sind viel transatlantisches Denken und angelsächsischer Stil. Beide denken unabhängig, modern und links. Sagen wir so: Tony Blair hätte sie rasch für sich zu gewinnen versucht, gäbe es Tony Blair hier.

So falsch es wäre, sie über einen Leisten zu schlagen, so richtig bleibt ein verbindendes Grundmuster: Mit Nachdruck verteidigen sie einen fast klassischen Politikbegriff.

"Politik ist Verfügung von kollektivem Zwang", sagt Streeck. "Wenn man die Wirtschaft von der Politik freistellt, wie es derzeit geschieht, ist das selber Politik. Aus dem Doppelcharakter kommt man nicht heraus." Er setzt auch noch hinzu, in den modernen Gesellschaften gebe es unverändert eine Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit, jenseits aller Individualisierung. Mit voller Arbeitsleistung müsse jemand so viel verdienen, daß er sich ganz in die Gesellschaft integrieren könne, dies sei in den Köpfen drin. In den industriellen Arbeitsbeziehungen bleibe ein Gefühl für Würde.

Solches Denken steht quer zu dem, was in Großbritannien der Sozialwissenschaftler Anthony Giddens und hierzulande seinen Freund Ulrich Beck bewegt: Scharpf und Streeck glauben unverändert, für die Politik gebe es große Projekte. Er verstehe den Pessimismus Becks in dieser Hinsicht gar nicht, denkt Scharpf laut. Vieles funktioniere doch noch in der Politikwelt. Das öffentliche Bild von totaler Handlungsunfähigkeit stimme nicht. Er ist befugt, das zu sagen, denn kaum jemand hat so früh wie er Ursachen für den politischen Immobilismus hierzulande ermittelt. Kaum jemand beurteilt die "Tragödie" der SPD, die ihre Stunde als kreative Opposition nicht nutzt, so dramatisch.