Es war einmal ein kleiner Internet-Provider tief im Schwarzwald, der hatte noch Leitungskapazitäten frei und wollte gern ein bißchen mehr Geld verdienen. Da beschlossen die fünf Mitarbeiter der RST-Datentechnik, es mit einer Sex-Site im Netz zu versuchen. Geduldig sammelten sie Tausende von mehr oder weniger erotischen Bildchen und ließen sie ein Jahr lang jeden angucken, der vorher 39,95 Mark bezahlt hatte. Schon bald belasteten so viele lüsterne Surfer ihre Kreditkarte, daß der kleinen Firma ihre Mühe reichlich gelohnt wurde.

So gehen die wahren Erfolgsgeschichten des Internet. Während tapfere Buchhändler und fortschrittsgläubige Warenhäuser im Datennetz zumeist Verluste einfahren, boomen die elektronischen Sexshops. "Cyberporno entwickelt sich rapide zum Neidobjekt des Internet", bilanzierte das Wall Street Journal im Mai. Den Unternehmensberatern von Forrester Research zufolge wurde im vergangenen Jahr Internet-Erotik für fünfzig Millionen Dollar umgesetzt, was einem Zehntel des gesamten Online-Handels entspricht. Im Jahr 2000 könnten es schon 250 Millionen Dollar sein. Besorgte Eltern und Regierungen installieren bereits Abwehrprogramme, um ihre Schützlinge vor solchen Versuchungen zu bewahren. Doch der Nachwuchs und die Bewohner sittenstrenger Scheichtümer schaffen es meist, die elektronischen Wächter zu überlisten, um doch noch an die heiße Ware zu kommen.

Gegen die Könige des Geschäfts sind die Pornographen aus dem Schwarzwald Aschenputtel. Der 24jährige Seth Warshavsky verdiente mit Telephonsex das Startkapital für seine Internet Entertainment Group in Seattle. Die unterhält zwei Dutzend Sex-Sites und betreut obendrein das Online-Angebot des Nacktmagazins Penthouse. Auf Warshavskys Konten werden im laufenden dritten Geschäftsjahr zwanzig Millionen Dollar eingehen, hofft der Cybersex-Großhändler. Für das Geld bietet er seinen Kunden nicht nur Photos, sondern auch Live-Übertragungen aus den hauseigenen Strip-Shows.

Im virtuellen Rotlichtbezirk wartet eine fünfstellige Zahl von Etablissements auf Kundschaft. Das Verzeichnis Persian Kitty's, eine Art Sex-Yahoo, verzeichnet allein über tausend einschlägige Unternehmen. Zu den Gründervätern und -müttern im Online-Sexgeschäft zählt beispielsweise eine ehemalige Stripperin, die auf HTML umgeschult hat. Doch auch Menschen mit bürgerlicherem Hintergrund fühlen sich berufen: Das kalifornische Ehepaar Huntington präsentierte zunächst auf seiner eher privaten Web-Seite lediglich die vollständig bekleidete Mrs. Huntington, allerdings in provokativen Posen. Es dauerte nicht lange, bis die Gattin viele Fans hatte. Inzwischen zeigen die Eheleute auch die Bilder anderer Hobbymodelle und verkaufen jeden Monat für zehntausend Dollar Anzeigenplatz.

Der Sozialarbeiter Joe Warshowsky geriet über einen Freund zu seinem Job beim Erotikanbieter Videofantasy. Hatte sich der 47jährige Vater von sechs Kindern vorher um jugendliche Gangmitglieder in einer amerikanischen Kleinstadt gesorgt, so besorgt er es nun lüsternen Männern aus der ganzen Welt. Als die New York Times ihn besuchte, verfolgte gerade ein Kunde aus dem deutschen Albertshofen auf der anderen Seite des Ozeans den Live-Strip.

Der Wettbewerb um das Geld der digitalen Voyeure ist hart. Ganz wie in der übrigen Wirtschaft stöhnen deutsche Anbieter über die Globalisierung. "Der Markt ist viel zu international, da sind die Preise versaut", schimpft Udo Andresen, der bei Beate Uhse für Online zuständige Vorstand. Auch im Internet ist ein deutscher Standortnachteil zu beklagen: Der Jugendschutz erlaubt auf deutschen Web-Sites keine Pornographie - in den Augen von Andresen ist das "Wettbewerbsverzerrung". Er darf nur ab sechzehn Jahren freigegebene Nacktheit ins Netz stellen - selbst das Fernsehen ist im Spätprogramm freizügiger. Auf wirklich hartes Material läßt Beate Uhse sich deshalb nicht ein. Kleinere deutsche Anbieter argumentieren dagegen, der Zugang per Kreditkarte halte Minderjährige zuverlässig fern.

Ob hart oder soft - alle Anbieter konkurrieren mit der Materialfülle des Internet, in dem sich irgendwo alles findet, bis hin zum Sex mit Tieren. Warum bezahlt überhaupt jemand für Nacktbilder auf dem Bildschirm, wo es die im Netz doch "terabyteweise umsonst" gibt, wie auch Andresen einräumt? "Eine gute Frage", sagt Uwe Vieweg, der mehrere deutsche Angebote wie "Topsex"und"Megabusen" betreut. Seine Antwort: So leicht, wie der mit Skandalstories gefütterte Zeitungsleser glaubt, ist Sex im Internet nun auch wieder nicht zu finden - man muß schon einige Geduld beim Suchen aufbringen. "Wer hat die Zeit, solange rumzusurfen?" argumentiert Vieweg. Zwar gibt es in der Internet-Nachrichtenbörse Usenet Hunderte von Newsgroups, die wohlsortierte heiße Bilder versprechen: von der Abteilung für kleine Brüste ("More than a handful is too much") bis zur Sammlung Urin in der Erotik. Da ist selbst für die ausgefallensten Geschmäcker etwas dabei.