Ich bin, was man unter den Ultras eine mentale Memme nennt, und mein schwächlicher Auftritt beim Spartathlon 97 ist rasch rekapituliert: Gestartet im Morgengrauen unterhalb der Akropolis. Durch den Stadtverkehr raus aus Athen. Auf der Autobahn nach Piräus. An der Küste entlang westwärts. Kleine Krise nach drei Stunden. Zwei Stunden später, nach fünfzig Kilometern, prima Laune. Kurz vor Korinth wieder auf die Autobahn. Nach achteinhalb Stunden immer noch im Plansoll. Nur noch hundertsechzig Kilometer.

Raus aus Korinth. Ein Zeh blutig gelaufen. Kein Bock mehr. Das Laufen wird mühsam. Erste Gehpausen. Ein Teilnehmer wandert vor sich hin; als er mich sieht, ruft er in den griechischen Nachmittagshimmel: "Heroes! We're heroes!"

Zwanzig Minuten später, bei Kilometer 90, gebe ich die Startnummer ab. Den Rest überlasse ich den Helden. Der Spartathlon, sagt die Legende, beginnt erst hinter Korinth. Bis zu diesem ersten Checkpoint laufen sich die Teilnehmer warm; danach wird es ernst.

John aus Birmingham zum Beispiel wankt bei Kilometer 100 auf einem schmalen Sträßchen zwischen übermannshohem Schilfgras und ist "shot into pieces". Er schlingert auf uns zu und fragt, ob wir milden Tee oder warme Suppe für ihn hätten. Der Magen. Seit einer Stunde könne er nichts mehr bei sich behalten. "Es kommt zu früh. Ich weiß nicht, ob ich mich noch einmal erhole." Nicht einmal Wasser verträgt er noch. Schon der Gedanke löst Brechreiz aus. Er nimmt die angebotene Flasche, zwingt sich einen Schluck des Tees durch die Gurgel. Erbricht die Flüssigkeit auf die Straße. "Geht nicht", sagt John und setzt sich in Marsch.

Rund ums alte Korinth machen die meisten Teilnehmer aus dem hinteren Feld ihre erste ernste Schwächephase durch. Sie haben keine Augen für die Ausgrabungsanlagen des antiken Stadtzentrums, für die malerisch drapierten Steinquader in den Ladenstraßen, die Säulen der Podiumtempel, die weitläufige Agora. Für die Teilnehmer des Spartathlon ist Alt-Korinth nur eine weitere von 75 Verpflegungsstationen. Es gibt Tee, Elektrolytgetränke, Joghurt, Kekse, Bananen. Die Betreuer sind freundlich und applaudieren jedem Ankömmling. Die Leute aus dem Dorf gucken neugierig. Schnell einen Happen gegessen, zwei Becher Tee hinuntergestürzt. Weiter. Nach zehn Minuten haben die Läufer Alt-Korinth hinter sich.

Wenn man dem fabulierfreudigen Geschichtsschreiber Herodot glauben möchte, ist an dieser Stelle schon 490 vor Christus einer durchgerannt.

Pheidippides, so hieß der Kerl, hatte es mächtig eilig. Die Athener rüsteten zum Gefecht gegen die asiatischen Truppen und hofften nun auf Unterstützung aus dem fernen Sparta. Also machte sich Pheidippides auf die Socken; wieselte auf Sandalen und ohne Verpflegungsstellen innerhalb von zwei Tagen über Korinth und die Bergzüge des Peloponnes rüber nach Sparta. Dort stellte man eine starke Truppe zusammen, zog nach Marathon und haute die Asiaten zu Klump. Hübsche Geschichte, so recht nach dem Gusto der Griechen.