Der Trabi siegt im Elchtest, VW kauft Rolls-Royce (vermutlich), der Mercedes kippt um, und das HB-Männchen ist lange tot. Die gute alte BRD ist Geschichte, ihre Institutionen wanken und weichen.

Aber Suhrkamp bleibt. Vielleicht ist das der Grund, weshalb alles, was im Hause Unseld geschieht, so aufmerksam beobachtet wird. Es ist doch nur ein Verlag, und mit 100 Millionen Umsatz keiner der großen. Es handelt sich doch nur um den Familienzwist und die Nachfolgefrage eines mittelständischen Unternehmens. Aber es handelt sich um Suhrkamp, eine der großen geistigen Institutionen aus der alten Zeit.

Daß der Verlag den Elchtest der wildgewordenen Moderne nicht bestehen werde, davon wurde weiland gemunkelt. Jetzt aber, als Siegfried Unseld Christoph Buchwald zum Geschäftsführer des Suhrkamp Verlags berief, regte sich die alte Häme kaum noch, und die meisten fanden, dem Patriarchen (73) sei ein Schachzug gelungen. Denn Buchwald ist es, der, zusammen mit Gerald Trageiser, den todkranken Luchterhand Literaturverlag zurück in die Reihe seriöser Häuser und mit Autoren wie Frank McCourt, Annie Proulx und Matthias Politycki wieder in die Gewinnzone geführt hat. Genau diese nicht unbedingt umwerfende, aber leserfreundliche Literatur hat Suhrkamp gefehlt.

Buchwald, Jahrgang 1951, könnte Unselds Sohn sein, und er ist fast genauso alt wie Unselds Sohn Joachim, der im Streit das Haus verließ und mit seiner Frankfurter Verlagsanstalt erfolgreich dabei ist, einen eigenen literarischen Verlag ins Spiel zu bringen. Buchwald sagt, zwischen Unseld und ihm stimme die Chemie, was ein bißchen nach BASF klingt, aber wohl heißen soll: Auf formale Zuständigkeit kommt es weniger an als auf die gemeinsame Lust an der Sache.

Nun ändert sich alles, denn noch nie hat Unseld seinen Suhrkamp Verlag, das Herz des aus Insel, Nomos und Klassiker Verlag bestehenden Geistesreiches, einem anderen anvertraut. Nun bleibt alles beim Alten, denn Buchwald wird den Verlag "im Einvernehmen mit Siegfried Unseld" leiten. Der zieht sich nicht zurück, und warum sollte er? Zur Buchmesse erschien er in alter Frische und wirkte jünger als mancher seiner jüngeren Mitarbeiter.

Kenner der Bilanzen versichern, daß der Verlag nach wie vor deutliche Gewinne mache. Und im derzeit ruhenden Konflikt mit seinem Gesellschafter Andreas Reinhart habe Unseld die besseren Karten. Unseld selber sieht die Krise, von der alle Verlage reden, überhaupt nicht. Die Umsätze seien, anders als die schleichend wachsenden Fixkosten, nicht beliebig steigerbar, da müsse man aufpassen. Aber das war immer so. Und das Buch, vor allem das Suhrkamp-Buch, wird überleben, daran glaubt er felsenfest. Das Geistesmonopol, das der Verlag einst besaß, wird Suhrkamp nicht wiedererringen. Unseld gibt es halbwegs zu. Und doch, so wendet er ein: Hat er nicht mit seiner "Edition Zweite Moderne" wieder einmal das Stichwort geliefert?

Das Geschäft des Büchermachens: War es je von der ökonomischen Vernunft allein diktiert? Dann müßten ja die diversen Konzernverlage die besten Programme und die größten Gewinne machen. Dem scheint keineswegs so. Das Bestsellergeschäft ist riskant. Verlage mit literarischer Ambition entstehen dabei nicht, allenfalls Umsatzmaschinen.