Leicht hatte es der Microsoft-Mann sicher nicht. Da lasen mehr als zwei Dutzend Redner seinem Unternehmen in einem Hotel in Washington die Leviten, gut dreihundert Zuhörer und eine knappe Hundertschaft Journalisten hörten Geschichten über den "ruchlosen Monopolisten" und "besessenen Autisten" Bill Gates - und Greg Shaw mußte Rede und Anwort stehen. In jeder Pause umringten ihn die Frager. Microsoft im Internet kurz vor der Alleinherrschaft? Seine Software ohne Alternative? Sein Chef ein Psychopath?

Was Greg Shaw dann tat, wird im politischen Geschäft Washingtons spin control genannt: die Aussage des Gegners erwidern, entkräften und bezweifeln, manchmal lächelnd, manchmal böse - vor allem aber schnell. Microsofts Widersacher seien "unaufrichtig" und "hinterhältig", sagte Shaw also, ihre Vorwürfe entsprächen nicht den Fakten. "Hier wird", meinte der Microsoft-Sprecher, "von unseren Gegnern eine einseitige Hetzkampagne orchestriert."

Völlig unrecht hatte Shaw mit dieser Einschätzung nicht. Tatsächlich las sich die Teilnehmerliste der zweitägigen Konferenz über "Microsoft und seine globale Strategie", die vergangene Woche in der US-Hauptstadt über die Bühne ging, wie ein Who's Who der Microsoft-Rivalen. Geladen hatte der amerikanische Verbraucherpapst Ralph Nader, dessen etwas verblaßter Ruhm vor einem Vierteljahrhundert mit seinem Kampf gegen den Autokonzern General Motors entstand. Gekommen waren Rechtsanwälte, Unternehmer, Softwareschreiber und Internet-Experten, deren wichtigste Botschaft sich mit wenigen Ausnahmen in zwei Worten zusammenfassen ließ: Stoppt Microsoft!

Die Sorgen über den Softwareriesen aus Redmond im Bundesstaat Washington wachsen. Microsoft machte 1996 bei einem Umsatz von 8,7 Milliarden Dollar 2,2 Milliarden Dollar Gewinn - fünfzehnmal mehr als die Nummer zwei der Branche, Computer Sciences. An den Aktienmärkten ist der Konzern inzwischen fast sechzig Prozent dessen wert, was die nächsten zwanzig Softwareunternehmen zusammen ausmacht. Microsoft monopolisiert den weltweiten Markt für PC-Betriebssysteme und beherrscht daneben eine ganze Reihe von Anwendungsmärkten.

Jetzt hat das Unternehmen seinen begehrlichen Blick auch auf das Internet gerichtet. "Wenn Microsoft im Internet regiert", warnte Roberta Katz, die Anwältin des Microsoft-Rivalen Netscape, "verspielen wir die Zukunft unserer Kinder." Weniger dramatisch, aber nicht minder scharf formulierte das Washingtoner Justizministerium, als es Mitte Oktober befand, daß der Konzern "sein Monopol bei Window mißbraucht", und Microsoft deshalb eine Strafe von einer Million Dollar täglich androhte. Die Kartellwächter stoßen sich an der Praxis des Unternehmens, von der gesamten Personalcomputerbranche zu verlangen, neben dem Microsoft-Betriebssystem auch seine Netzsoftware "Internet Explorer" zu installieren; überdies soll das Browser genannte Suchprogramm demnächst mit Windows zu einem einzigen Programm verschmolzen werden. Die Konsequenz: Fast jeder PC-Benutzer würde beim Anschalten seines Geräts umgehend auch zum Microsoft-Browser geleitet. Der Softwaregigant hätte so einen kaum aufzuholenden Wettbewerbsvorteil gegenüber den Browsern der Firma Netscape gewonnen, die bisher sechs von zehn Konsumenten das Surfen im Internet ermöglichen.

Damit nicht genug: Weil Microsoft nahezu unangefochten das Tor zum Internet kontrollieren würde, könnte es auch den Zugang seiner Kunden zu den einzelnen Seiten des bildfähigen Internet-Teils steuern, auf denen in naher Zukunft etwa im elektronischen Banking oder beim elektronischen Autohandel Microsoft-Geschäfte in Milliardenhöhe ablaufen sollen. Erstens, so auf der Washingtoner Konferenz ein Assistent des texanischen Justizministers, "wird aus der Informationsautobahn damit möglicherweise eine Mautstraße, bei der allein Bill Gates die Einfahrtsgebühren erhebt". Zweitens, so der kalifornische Anwalt Gary Reback, hätte Microsoft mit seinem Einfluß und seiner marktbeherrschenden Stellung "das Monopol auf die Inhalte des Internet". Und drittens würde aus dem schon jetzt superreichen Softwarebetrieb ein weltumspannender Konzern, der seine Finger in Banken, Versicherungen, Reisebüros, elektronischen Medien und zahllosen anderen Unternehmungen hat. "Microsoft wird sich die profitabelsten Teile des Internet-Geschäfts unter den Nagel reißen, indem es Zugang und Benutzung kontrolliert", sagte Ralph Nader voraus.

Glaubt man manchen Theoretikern des Informationszeitalters, droht mit einem solchen Monopol auch der technische Fortschritt auszutrocknen. Einerseits, meinte der Ökonom Brian Arthur, gebe es in allen High-Tech-Branchen die Tendenz zu einer quasi natürlichen Alleinherrschaft. Mit einem hochmodernen Spitzenprodukt könne ein Unternehmen sein Angebot zum Standard machen und mögliche Wettbewerber vom Markt ausschließen. Der Marktführer legt nach Arthurs Auffassung damit immer weiter zu und kassiert für seinen Erfolg viel Geld - jedenfalls so lange, wie kein Konkurrent eine bessere Ware entwickelt. Beispiele für Standardprodukte, die zum Monopol geführt haben, sind das VHS-Videosystem und eben Microsofts PC-Betriebssystem.