ZDF, mittwochs: "Die Kids von Berlin"

Am Kotti gibt's Stunk" - und die Wahrscheinlichkeit, daß die Randalierer noch nicht strafmündig sind, steigt und steigt. Seit in der Bekämpfung des Terrorismus die Polizeipsychologie zu neuem Ansehen kam, hat sich neben Spurensicherung und Gewalt die Einfühlung als kriminalistische Methode fest etabliert. Was tun gegen jugendliche Verbrecher, die von der Schulbank weg dealen, vergewaltigen und Autos stehlen? Zuerst stellt man ihnen eine Sonderkommission gegenüber, die zur selben Generation gehört und deren Lebensgefühl von Sex, Drogen und Sportwagen zumindest gestreift worden ist. Und der Chef einer solchen Truppe, in der Ahnung und Augenmaß über Schnelligkeit und Härte gehen, sei bitte eine Frau.

Romy Herzog heißt die Polizistin beim ZDF; von Susanne Schäfer wird sie mit zarter Professionalität verkörpert. Anders als bei den "SK Babies", die bei RTL jugendliche Gangster jagen durften, löst sich hier die zeitgemäße Idee nicht in das uralte Räuber-und-Gendarm-Spiel auf. Das Areal, das die "Kids von Berlin" vermessen, ist kein Abenteuerspielplatz mehr, sondern ein Abgrund, vor dem selbst junge Polizisten zurückweichen. Da hilft neben Idealismus nur Disziplin. Über Frau Herzog gibt es noch einen Chef, und der verfügt: "Das einzige, was wir nicht brauchen können, ist ein Sauhaufen, der schlechter organisiert ist als jede Jugendbande." Und er fügt drohend hinzu: "Ich erwarte einen genauen Bericht."

Den liefert diese Fernsehserie. Ob Wagen für die Russenmafia verladen, ein Schüler in den Tod getrieben oder Juwelen geraubt werden - Jugendliche lassen sich immer gut einsetzen. Sie sind flink und durch eine natürliche Tarnung geschützt: Wer traut ihnen schon ein Verbrechen zu? Und wo sie kein Zuhause mehr haben, fragt niemand nach ihnen, wenn sie verlorengehen. Sie stellen keine großen Ansprüche. Sie wollen nur dazugehören.

Aber sie sind auch ihren Ängsten ganz anders ausgeliefert als erwachsene Kriminelle. Deshalb kippen sie eher mal um, laufen weg, packen aus. Das wissen die Kriminalisten von der "Abteilung". Sie können nicht nur verfolgen, sondern auch abwarten und zureden. Und obwohl ihnen vieles mißlingt - "Nur wer nichts tut, macht keine Fehler" -, gewinnen sie am Ende ihren eigenen Kompetenzbereich. Sie sind die Hoffnung des Reviers. Denn: "Das Milieu ist stärker als die Beamten."

Felix Huby hat die ersten Folgen mit sicherer Hand konzipiert - man ist es von ihm so gewohnt, freut sich diesmal aber zusätzlich über den "genauen Bericht", die kurzen psychologischen Skizzen, die so manchen Straßenjungen und ehrgeizigen Polizeiaspiranten aus dem Klischee herausheben. Es läßt sich am Fernseher immer noch gut unterscheiden, ob eine Serie auf die Effekte, auf die gewünschten Gemütsbewegungen der Zielgruppe hin kalkuliert ist oder ob sie ihre Wirkung aus dem Innenleben der Figuren entfaltet. Das ist ein Unterschied ums Ganze. Romy Herzog fühlt selbst etwas, wenn sie ihre Waffe zieht. Nur deshalb jagt sie uns einen Schrecken ein.