Der Schauplatz der Tragödie liegt nur ein paar Autominuten von Jerusalem entfernt. Wer aber das Flüchtlingslager El Aida in der autonom regierten Stadt Bethlehem betritt, befindet sich schlagartig in einer anderen Welt.

Hier sind die engen Gassen immer noch sandig und die Behausungen mit Wellblech geschützt. Am Eingang gibt es zwei Autoreparaturwerkstätten und einen mit dem Nötigsten ausgestatteten Lebensmittelladen. Seit dem 15.

November hängt hier an fast jeder Tür das Bild eines kleinen Jungen im karierten Wollhemd. An diesem Tag war der siebenjährige Ali Jarawisch nach vier Tagen im Koma an den Folgen einer Schußwunde gestorben.

Ali stammt nicht von hier. Nach dem Unterricht hatte er seine Tante im Flüchtlingslager besucht und wollte dann Bleistifte kaufen gehen. Unterwegs stieß er auf eine Gruppe palästinensischer Jugendlicher, die israelische Soldaten mit Steinen bewarfen. Die Soldaten feuerten mit Gummigeschossen zurück, eines davon traf den Jungen mitten auf die Stirn. "Ali wußte gar nicht, was das für ein gefährliches Spiel war, er kannte das nicht. Die anderen waren alle noch rechtzeitig weggelaufen, nur er nicht", erzählt sein Onkel Khalil.

Der Junge lebte im nahe gelegenen Beit Safafa, einem arabischen Stadtteil von Jerusalem. Seine Eltern sind Palästinenser mit israelischem Paß. Seit Alis Tod kommen sie täglich ins Flüchtlingslager, um hier zu trauern. "Solange noch Leute zu uns wollen, werden auch wir hiersein", sagt sein Vater Mahmud.

Bis jetzt sei der Strom der Besucher noch nicht abgerissen.

Mahmud Jarawisch sitzt, im Kreis von Männern, auf einem Plastikhocker vor dem Trauerhaus, das ihm der Muktar von El Aida zur Verfügung gestellt hat.