Ein kurzer Satz, dahinter verbirgt sich ein Alptraum: Die Fortschritte in der Gentechnik könnten langfristig auch zur Entwicklung biologischer Waffen "gegen genetisch unterschiedliche Menschengruppen" führen, heißt es in einer aktuellen Bundeswehrstudie. Ein schwedisches Forscherteam hatte schon 1993 auf die Möglichkeit solcher sogenannter Ethnowaffen hingewiesen, auf B-Waffen also, deren Erreger gentechnisch so verändert sind, daß sie nur noch bestimmte Ethnien angreifen.

Die Argumentation der Wissenschaftler, die vor der Ethnobombe warnen, klingt zunächst plausibel. Sie befürchten, daß zivile Forschungsprojekte das Grundlagenwissen für Ethnowaffen liefern: zum einen das Human Genome Project, das von der Human Genome Organization (Hugo) koordinierte weltweite Forschungsprojekt zur Entschlüsselung des gesamten menschlichen Erbguts zum anderen das an Hugo angeschlossene Human Genome Diversity Project, das zum Ziel hat, genetische Unterschiede (sogenannte Polymorphismen) zwischen Bevölkerungsgruppen herauszufinden schließlich sehen sie in der Weiterentwic klung der Gentherapie - zum Beispiel beim Bau von Viren, die nur Krebszellen angreifen - eine Gefahr der militärischen Nutzung.

Unterm Strich könnte das bedeuten: Das Wissen über Aufbau des Genoms und seine Funktionsweise plus die Erkenntnisse über ethnische Polymorphismen plus verfeinerte Methoden der Gentherapie ergeben die Möglichkeit, im Labor B-Waffen-Erreger herzustellen, die bestimmte Menschengruppen gezielt dahinraffen.

Ob diese Gleichung aufgeht, ist allerdings zweifelhaft. Zwar gibt es zuhauf individuelle genetische Unterschiede, die derzeit intensiv untersucht werden.

Wie das Fachblatt Nature Biotechnology vor kurzem berichtet hat, forscht die Pharmaindustrie mit Hochdruck daran, bestimmte Arzneien zu entwickeln, die sozusagen maßgeschneidert sind. Denn aufgrund genetisch bedingter Stoffwechselunterschiede wirken bestimmte Medikamente bei verschiedenen Patienten unterschiedlich stark.

Bei den ethnischen genetischen Unterschieden hingegen ist der Wissensstand - trotz des Diversity Project - sehr dürftig. Ohne fundierte Kenntnis ethnischer Polymorphismen ist jedoch keine Ethnowaffe zu bauen. Denn der Erreger in einer Ethnowaffe - etwa ein im Genlabor zusammengebasteltes Virus - müßte erkennen können, ob er sich in einem anzugreifenden Menschen befindet oder nicht beispielsweise anhand spezifischer Merkmale der Zelloberfläche oder anhand genetischer Merkmale in der Zelle.

Bisher kann man über solche Unterschiede jedoch nur spekulieren. Da ist es kein Zufall, daß unter denen, die beim Stichwort Ethnowaffen nervös werden, mehr Sicherheitsexperten sind als Genetiker. Molekularbiologen zweifeln vor allem an dem "Rassen"-Begriff, der dem Konzept der Ethnowaffe zugrunde liegen soll, wissenschaftlich aber nicht haltbar ist. Der Genetiker Kenneth Kidd, der sich an der amerikanischen Yale-Universität mit Polymorphismen beschäftigt, meint sogar, daß es, genetisch gesehen, überhaupt keine ethnische Gruppen oder Rassen gibt. Die hunderttausendjährige Entwicklungsgeschichte der Spezies Mensch sei zu kurz, als daß diese sich in Rassen hätte aufspalten können. Hans Lehrach vom Berliner Max-Planck-Institut für molekulare Genetik geht noch einen Schritt weiter. "Wir hätten schon Probleme, eine Ethnowaffe gegen Schimpansen zu bauen", sagt er mit Blick auf unsere evolutionsgeschichtlich nahen Verwandten. Eine ethnospezifische B-Waffe ist für ihn ein "Jurassic-Park-Szenario".