Obwohl Christiane Redel, Ministerialrätin im Bonner Gesundheitsministerium, schon seit vielen Jahren mit der Situation psychisch Kranker vertraut und allerlei gewohnt ist, ärgert sie noch immer, wie mit diesen Kranken in Deutschland umgegangen wird. "Wenn jemand Fango braucht", sagt sie, "wird das Rezept einfach abgehakt. Auch der Rollstuhl wird anstandslos bezahlt, aber daß der psychisch Kranke andere Dinge als der somatisch Kranke braucht, hat sich noch immer nicht durchgesetzt."

Daß bei der Versorgung psychisch Kranker gespart werden kann, braucht sich hingegen nicht erst durchzusetzen. Das hat in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, Tradition. So fühlen sich die Krankenkassen für diese Patientengruppe nur bedingt zuständig. Renten- und Arbeitslosenversicherungen wollen mit ihnen in der Regel auch nichts zu tun haben. Die Folge ist, daß viele Patienten mit psychischen Krankheiten bei der Sozialhilfe landen.

Ihr Leben spielt sich großenteils auf der Schattenseite der Gesellschaft ab.

So ist bis heute nicht einmal annähernd genau bekannt, wie viele Menschenpsychisch krank sind. Es gibt nur vage Schätzungen. 500 000 sollen es sein. Deutschland, mit statistischen Erhebungen ansonsten eher übereifrig, hat dieses Problem nicht nur statistisch verdrängt. Das belegt ein vom Bonner Gesundheitsministerium 1996 herausgegebener Faktenbericht: "Die Bundesrepublik ist gegenwärtig dabei, in der psychiatrischen Gesundheitsberichterstattung und in der psychiatrischen Versorgung noch weiter hinter die Standards anderer Industrieländer zurückzufallen, als es bereits in der Vergangenheit von internationalen Versorgungsexperten bemängelt wurde."

Mehr als zwanzig Jahre ist es her, daß die Psychiatrie-Enquete 1975 die katastrophalen Zustände der psychiatrischen Versorgung angeprangert hat, und noch immer bestehen eklatante Defizite. Viele Patienten fristen ihr Dasein von Kleinstrenten oder leben von Sozialhilfe am Rand der Armut, ausgegrenzt vom gesellschaftlich-kulturellen Leben der Republik. Christian Reumschüssel-Wienert vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) beklagt, daß sogar immer mehr Sozialhilfeträger die finanziellen Leistungen der psychiatrischen Versorgung zurückschraubten.

Krankenkassen, Rentenversicherung und Sozialhilfeträger versuchten, die Kosten jeweils abzuwälzen. In Hamburg zum Beispiel weigern sich die Sozialversicherungen seit Jahren, in eine Form der Krankenbehandlung einzusteigen, die anerkannt größte Aussichten auf Erfolg hat: in die außerklinische gemeindepsychiatrische medizinische Rehabilitation.

Dabei hatte bereits die Psychiatrie-Enquete von 1975 gerade die gemeindenahe Versorgung als eine der zentralen Maßnahmen empfohlen, um die psychisch Kranken aus den fernen Anstalten zu holen und sie möglichst in ihrem gewohnten gesellschaftlichen Umfeld zu versorgen. "Ambulant vor stationär" sollte die Maxime sein. Die Zahl der ambulant tätigen Psychiater und Nervenärzte hat sich zwar seit 1975 verdreifacht, und die Zahl der berüchtigten Anstalten ist auch deutlich zurückgegangen. Ein flächendeckendes Angebot wohnortnaher Versorgung fehlt aber weiter, weil die Finanzierung solcher Einrichtungen nicht gesichert ist.