Giuseppe Cipriani, gelernter Uhrmacher und später Barkeeper, hat sich einen Namen gemacht. In Venedig gründete er die längst zum Mythos gewordene "Harry's Bar" sowie weitere Edellokalitäten in und um die Lagunenstadt. Seine Lebensgeschichte und die Begegnungen Giuseppes mit Prominenten aus aller Welt hat nun sein Sohn Arrigo aufgezeichnet in dem Buch Harry's Bar. Eine venezianische Legende (Wilhelm Heyne Verlag, München 1997 210 S., 36 Mark).

Der sehr persönlich und unterhaltsam geschriebene Band, illustriert mit alten Photos und garniert mit Rezepten, lebt von der Schilderung pikanter Histörchen und ungewöhnlicher Begegnungen. Man erfährt, daß Hemingway seine nächtliche Schreibarbeit mit sechs Flaschen Rotwein beflügelte und daß Orson Welles nach üppigen Diners gern das Zahlen vergaß. Auch adlige Herren mit großem Durst und kleinem Portemonnaie gab es seinerzeit unter den Gästen.

Zu der trinkfesten Gesellschaft jener Tage gehörte der amerikanische Student Harry Pickering, der den Namen und die Idee für die Bar lieferte. Aus einer Laune heraus kreierte Vater Giuseppe sein berühmtes Carpaccio für eine magenkranke Contessa und erfand den Pfirsich-Prosecco-Cocktail Bellini. Und heute?

In "Harry's Bar" bewirtet Arrigo, nebenher noch Besitzer des Restaurants "Bellini" in New York, vornehmlich betuchte Touristen. Das Hotel "Cipriani" allerdings, von Vater Giuseppe gebaut, gehört inzwischen dem reichen Texaner James B. Sherwood. Ihn beschreibt Arrigo recht ungnädig als einen rundlichen Lauthals, der Hamburger mit bloßen Händen esse.

Etwas Groll schwingt mit beim nostalgischen Blick zurück. Wer möchte es Arrigo verdenken in einer Zeit, da jede Dorftrattoria Carpaccio mit Öl und Parmesan serviert, obwohl das Originalrezept eine feine Soße aus Senf und Mayonnaise vorschreibt?