Das schönste Ende der Popmusik: Hunde bellen, das Schrankensignal bimmelt, ein Zug pfeift aus der Ferne, kommt näher, fährt donnernd vorbei, das Bellen verhallt. Der Schluß von "Caroline, No", jenem kaum drei Minuten langen Musikgedicht über den Verlust der jugendlichen Unschuld, bleibt 1997 so offen, so rührend wie 1966. Der Gesang von Vergehen und Weiterziehen, die zärtliche Fassungslosigkeit dieser Kopfstimme hatten ihre endgültige Coda gefunden.

Nun, nach dreißig Jahren, ist das Bellen unverfälscht zu hören. Banana und Louie - pet dogs -, die beiden Lieblingshunde von Brian Wilson, kläffen im Studio vom Band: "Dog Barking Session". Was als dokumentarischer Irrsinn erscheinen könnte, ist nun Teil einer 4-CD-Ausgabe, die "das größte Album aller Zeiten" (Paul McCartney) in allen Facetten vorstellt: "Pet Sounds" von den Beach Boys. Dies mag verwundern, ist die Platte bis heute kaum ins kontinentale Bewußtsein gedrungen. Die Beach Boys blieben Surf und Sand und Sonne, längsgestreift gehemdet und Bikini-betanzt. Während die Beatles in jedem von uns singen, erreichte von "Pet Sounds" nur die alberne Single "Sloop John B." unser Hitparadenohr.

Ironischerweise war der alte Folksong nicht einmal vorgesehen. Die Plattenfirma Capitol hatte ihn per Dekret eingeschleust, um dem drohenden Fiasko der Platte vorzubeugen. Eine Geschichte also von Kunst vs. Kommerz, von Genie und Unverstand, von musikalischer Revolution und historischkritischem Gesamtausgaben-Wahnwitz? Gemach, dies alles, aber Stück für Stück, 256 Minuten lang.

Sagt man Boy Group, meinte man Beach Boys. Mit den drei Wilson-Brüdern, Schwager Mike Love und einem Schulfreund, keiner älter als neunzehn, von Vater Wilson tyrannisch gemanagt, seit 1961 von Hit zu Hit surfend. Eines Tages brach einer zusammen und blieb von da an zu Hause: Brian Wilson, der älteste, der dickste, Kopf und Musik, der schon früh die Gegenhymne zu seinem eigenen "Surfin' USA" komponiert und im Falsett singt: "In My Room". Er raucht, schnieft, schluckt, versinkt in Visionen, hört eines Tages "Rubber Soul" von den Beatles und beschließt, "die gesamte Popmusik neu zu definieren. Ich wollte ein einzigartiges Album schaffen. Die größte Rockplatte aller Zeiten."

"Pet Sounds" wird zum größten kommerziellen Flop der Beach Boys: kein Gold, nur Nummer 10 der LP-Hitparade. Kritiker und Kollegen aller Fraktionen lieben und verehren das Album. Einig sind sich alle: die Langspielplatte als unverbindliches Sammelbecken von Singles wird vom Album als Gesamtwerk abgelöst. Was dem einen als Geburt einer neuen Kunstform gilt, beweinen die anderen als Abschied vom wahren Pop, der nie mehr als drei Minuten Glück umfassen darf.

"I may not always love you", beginnt die zweite Seite (alter Plattenrechnung) in "God Only Knows", und die reine Stimme von Bruder Carl verwandelt die Skepsis in einen Liebesschwur, Waldhörner und Akkordeons schwelgen in Melodie, Orgel und Piano hämmern den Rhythmus, Geigen setzen ein zum wummernden Baß, der harmonisch "falsch" den Herzschlag zupft. Darüber die Stimmen der Beach Boys wie Engelschöre. Und wieder versagt der kritische Hörer, wieder versinkt er "ba ba ba" summend im polyphonen Kanon, überwältigt: "God only knows what I'd be without you."

Noch nie wäre es so leicht gewesen, das Geheimnis dieser kleiner Popsymphonien zu enträtseln. Wo bisher die allein gültige Monofassung der Platte (und CD) ex cathedra das Hören definierte, bieten nun die "Pet Sounds Sessions" eine sorgfältig "restaurierte", von Brian Wilson abgesegnete Stereofassung. Wo damals die Instrumentalaufnahmen von einem Vierspurgerät auf eine Monospur gemischt wurden, um diese auf ein zweites Vierspurgerät zu übertragen und dadurch wieder drei Spuren für die Gesangsaufnahmen zu gewinnen, ging man jetzt den umgekehrten Weg: Die getrennten Instrumentalspuren dienten als Basis der neuen Version. Ein ähnliches Sakrileg, wandten Kritiker ein, als würde man "Citizen Kane" kolorieren. Mag sein, und doch erinnert das Resultat eher an die Wirkung virtueller Simulationen, mit deren Hilfe zum erstenmal ein plastisches Tiefenbild ermöglicht wird.