Wer die Lektüre dieses zweiten Romans von Ernst-Wilhelm Händler durchgestanden hat - fasziniert, entnervt, wieder hineingesogen, wieder zurückblätternd, so daß er am Ende die ganze Lesestrecke anderthalb- bis zweimal zurückgelegt hat -, der könnte, der sollte dann etwa tausend Schritte zurücktreten von dem Buch, tief Atem holen und sagen: Im Grund ist doch alles ganz einfach. Wenn er nämlich vorübergehend vergißt, was für Labyrinthe, Dunkelzellen, Delirien, Exerzitien und Steilwände aus Sprache er während der Lektüre durchquert hat.

Im Grunde alles ganz einfach, denn Händler erzählt einen "Fall", der seit dem "Wilhelm Meister" unzählige Male nacherzählt worden ist: Ein Sohn emanzipiert sich vom Vater, vom Bürgertum und von seinen Geschäften, rettet sich aus einer pragmatischen Welt des ökonomischen Handelns und der sozialen Anpassung in eine ästhetische Gegenwelt, in eine problematische Freiheit. Doch das Wilhelm-Meister-Modell, trotz aller Verwerfungen, Verzerrungen, Verzeichnungen immer noch erkennbar bei Gottfried Keller oder Joyce oder in der "Blechtrommel", im "Mann ohne Eigenschaften" oder im "Jungen Mann" von Botho Strauß, bei Hubert Fichte oder Peter Weiß oder Thomas Bernhard -, es wird von Händler aufgelöst ins fast Unkenntliche.

Schwieriger Fall, dieser "Fall", der übrigens schon im Titel, genau wie Händlers erster Roman "Prozeß", anspielt auf einen großen Vorgänger, diesmal also auf "La chute" von Camus. Händlers Titel allerdings meint nicht wie damals Camus' nur die juristische Causa, sondern auch die Bedeutung "Sturz".

Einen Fallbericht aus dem Wirtschaftsleben liefert das Buch und das Protokoll einer bis zur Selbstauflösung getriebenen existentiellen Krise. Der Fall wird dokumentiert mit reichlich kommentarlos und ungekürzt eingerücktem Aktenmaterial, in der Krisenprosa dagegen geht es - billiger macht es dieser Autor nicht - um schlichtweg alles, um Sein oder Nichtsein, Sprechen und Schweigen, um Macht, Sex und Tod (nie also um Liebe, Erotik, Sinnlichkeit), um die Fiktion der Wirklichkeit und die Wahrheit der Fiktion.

Über drei Ebenen treibt Händler den Vorgang - von Handlung zu sprechen wäre übertrieben -, und je weiter das Buch fortschreitet, desto stärker, wilder läßt er diese Erzählebenen sich überlappen, ineinander verkrallen und gegenseitig durchdringen. In der ersten Schicht zeigt er, mit unendlichen Aktenzitaten den Machtkampf zweier Vettern um die Leitung eines Industrieunternehmens irgendwo im nördlichen Bayern. Das ist und bleibt der übersichtlichste oder einzig einsichtige Strang des Buchgeschehens. Auch weil von vornherein klar ist, daß der Klügere der beiden Vettern, der Ich-Erzähler Georg Voigtländer, verlieren wird und muß. Der Klügere ist auch der Empfindlichere, wie jeder in der Wilhelm-Meister-Spur, und ist auf dem Weg, ein Autor zu werden.

Georg, verwickelt in zwei Münchner Dreiecksgeschichten, und Georg auf dem Weg zur Autorschaft formieren die zweite Erzählebene. Hier wird noch deutlicher als im ersten Strang, daß Händler fortlaufend Autobiographie übersetzt in Fiktion. Der Verleger G. in N. ist tatsächlich Greno in Nördlingen, und die Andere Bibliothek ist die Andere Bibliothek, und deren Herausgeber ist der Herausgeber Enzensberger, und alles, was hier "Georg Voigtländer" mit ihnen erlebt, dürfte Ernst-Wilhelm Händler 1989 auch erlebt haben, als seine ersten Bücher bei Greno erscheinen sollten, doch das Projekt in das wirtschaftliche Fiasko des Drucker-Verlegers hineingerissen wurde. So daß wir rückschließend vermuten können, auch der Kampf der Vettern um die Firmenleitung dürfte die fiktive Version einer realen Auseinandersetzung sein, die Händler als Geschäftsführer eines großen Familienunternehmens der Elektroindustrie in Cham durchgestanden hat.

Ein raffiniertes, ein verwegenes Spiel, das der Autor da in der Maske eines Georg Voigtländer mit der eigenen Lebensgeschichte treibt. Er verfremdet sie in Fiktion, doch gerade in der simuliert er durch den ausgiebigen Einsatz von Aktennotizen, Geschäftskorrespondenz, Tonbandmitschnitt, Gesprächsprotokollen eine Kulisse mindestens von faktischer Wirklichkeit. Vor allem, weil auch Georgs Beziehungsgeschichten mit Freunden und Freundinnen in einem quasijuristischen Protokollstil erfaßt, kaltgestellt und notiert werden.