Sacramento

Die Tränen kommen ihr schnell. Aber es ist keine geheuchelte Gefühlsaufwallung. Sie könne, sagt die Frau, einfach keinen Menschen in den Tod schicken: "Tut mir leid." Richter Garland Burrell, den seine Kollegen wegen seines großen Diensteifers "Nachteule" nennen, entschuldigt sich ebenfalls. Aber er sei verpflichtet, sie zu fragen, ob sie sich dem Geschworenendienst nur mit einem vorgeschobenen Argument entziehen wolle.

Jetzt fängt die Frau sich wieder: "No, sir." Burrell entläßt sie sofort, sie wird nicht den zwölf Geschworenen angehören, die über Schuld und Sühne von Theodore Kaczynski befinden. Kaczynski selber, dem die Staatsanwaltschaft beweisen will, daß er der "Unabomber" ist, macht sich auf der Anklagebank Notizen und spielt mit seiner Brille. Er nimmt die Gefühlsaufwallung im Gerichtssaal 4 des John E. Moss Federal Building regungslos hin.

Die Justizministerin Janet Reno, zugleich auch oberste Anklägerin des Landes, hat die Todesstrafe gefordert Jurykandidaten, die prinzipielle Bedenken gegen die Todesstrafe hegen, sind in solchen Fällen vom Geschworenendienst auszuschließen. Die Entlassung der Frau, die wie alle Geschworenen ihre Anonymität wahren darf, überrascht weder Kaczynski noch sonst jemanden. Sein Tod - durch die Giftspritze - scheint unabwendbar.

In der Zeitschrift The New Yorker hat die Autorin Cynthia Ozick unlängst den Unabomber mit Dostojewskijs Romanfigur Raskolnikow verglichen. Einen Tätertypen wie den Briefbombenversender, der sich jahrelang in den Bergen Montanas verborgen hatte, kannten die Amerikaner bisher nicht. Es gab die Oklahoma-Bomber Timothy McVeigh und Terry Nichols, doch sie, zumindest der bereits zum Tode verurteilte McVeigh, waren von diffusen Rachegedanken gegen die Bundesbehörden getrieben. Es gab die Attentäter auf das New Yorker World Trade Center, doch sie sind fundamentalistisch-islamische Verschwörer aus dem Ausland. Es gibt radikale Umweltschützer, die bereit sind, schwere Unfälle in Kauf zu nehmen, etwa wenn sie Stahlkrampen in Bäume nageln, damit die Ketten von den Sägen der Holzfäller reißen. Doch sie töten nicht mit Vorsatz. Der Unabomber ist der erste einheimische Terrorist, der aus kompromißlosem Idealismus mordete, der zudem seine Taten in einem Manifest zu legitimieren versuchte.

Ein Blick zurück in die Zeit Dostojewskijs: Es war ein kalter russischer Wintermorgen des Jahres 1849, als fünfzehn politische Gefangene in Gruppen von jeweils dreien vor ein Erschießungskommando geführt wurden. Den ersten dreien wurde befohlen, weiße Roben und Kapuzen überzuziehen. Die Soldaten legten an - da galoppierte ein Reiter herbei: Aufschub der Hinrichtungen, der Reiter überbrachte den Befehl von Zar Nikolaus I die Gefangenen wurden nach Sibirien abtransportiert. Eine pure Inszenierung, die Güte des in Wahrheit grausamen Zaren zu demonstrieren. Einer der Gefangenen, der Sibirien überlebte, wandelte sich vom Revolutionär zum Freund des Zarenreichs: Fjodor Dostojewskij, der Autor von "Schuld und Sühne". Gibt es Zeichen, daß womöglich auch Theodore Kaczynski Reue und Einsicht zeigen und in letzter Sekunde dem Tode entgehen wird?

Es war ein warmer Junimorgen im Jahre 1993, als David Gelernter, Professor für Computerwissenschaften, sein Büro in der Yale-Universität betrat. Er war gerade von einem Urlaub zurückgekehrt. Auf seinem Schreibtisch fand er einen Berg von Post, auf seinen Stuhl hatte sein Assistent ein Päckchen gelegt.