Gäbe es Helmut Kindler nicht, man müßte ihn erfinden: die Geschichte der Bundesrepublik in einer Person. Aller Wagemut des Aufbruchs, alles O-sole-mio-Schmalz der Wirtschaftswunderjahre, Anstand, Leichtsinn und neuer Reichtum, per Smoking glänzicht genossen und per großzügigem Scheck großmütig verteilt, Illustriertenschick und ernsthafter Verleger - so uneinheitlich das Land, so unübersichtlich der Mann. Ein Arrivé.

Der 1912 in Berlin Geborene hatte bei Erwin Piscator Theaterluft geschnuppert, bis er 1930 Regieassistent am Agnes-Straub-Theater wurde. Dann war er, was man damals Hauptschriftleiter nannte, bei einem Groschenblatt der Wehrmacht namens Erika - zugleich hatte er Verbindung zu dem späteren Mitglied des SED-Politbüros Rudolf Herrnstadt, war Kurier einer Widerstandsgruppe und wurde 1943 von der Gestapo verhaftet. Die "Frontbewährung" rettete ihn vor dem Volksgerichtshof.

Das goldene Ei, 1945, hieß - wie bei allen Nachkriegstycoons, bei Springer, Augstein, Bucerius - "Lizenz" das Blatt hieß sie, er bekam die Lizenz gemeinsam mit Heinz Ullstein und von den Russen als Beigabe eine alte Druckmaschine. Der Grundstein für ein Presse-Empire war gelegt, das Helmut Kindler zusammen mit seiner energischen Frau Nina aus der Illustrierten Revue, dem Jugendklatschblatt Bravo und der liebenswert beflissenen, kunstsinnigen Monatszeitschrift Das Schönste in München zusammenfügte. Bald fuhr man einen himmelblauen Cadillac, war Konsul, Villenbesitzer und gab Empfänge im "Hotel Vier Jahreszeiten".

Allein, Helmut Kindler hatte die braunen Jahre nicht verdrängt hinter der Halbwelt von Revue-Glaspalast, weißen Telephonen und Gummibäumen hatte er die "wirkliche Welt" - so hieß der Romanzyklus von Louis Aragon, den er später verlegte - nicht vergessen. Zwar konnte er über Hans Habes "Ilona" Tränen vergießen - aber er sah auch klaren Auges: zum Beispiel das Schicksal der Emigranten.

Deshalb band er, kaum war nach gigantischem Erfolg mit Ferdinand Sauerbruchs Memoiren Ende der fünfziger Jahre ein Buchverlag gegründet, Hermann Kesten an das Haus, publizierte Max Brod, gab dem ehemaligen Generalsekretär der Liga für Menschenrechte Kurt Grossmann die Gelegenheit, seine zwei großartigen Albert-Schweitzer- und Carl-von-Ossietzky-Biographien zu schreiben, bewog mit fürstlicher Pflege Fritz Kortner, seine Erinnerungen abzufassen, und bot dem gänzlich mittellosen Alfred Kantorowicz 1956 nach dessen Flucht aus der DDR gleichsam Asyl so konnte der sein "Deutsches Tagebuch" erarbeiten, heute ein Standardwerk der Dissidentenliteratur.

Helmut Kindler war gleichsam selber ein Dissident. Er war Teil der Neureichen-Schickeria (mit alsbald prächtigem Wohnsitz im Tessin) - und zugleich ein Mann von ernsthafter Neugier. Während er ohne Wimpernzucken Konsaliks "Hunde, wollt ihr ewig leben" in Riesenauflage über seine Revue-Rotationsmaschinen laufen ließ, gab er dem noblen Wolfgang von Einsiedel Lohn und Brot, ließ ihn - völlig unkontrolliert - "Kindlers Literatur-Lexikon" erarbeiten, damals ein eklektischer Geldverschlinge-Apparat, heute ein must jeder seriösen Bibliothek.

Die Erika hieß nun Revue, aber Kurier war er auch geblieben. Als solcher schmuggelte er in das eigene Schickimicki-Imperium illegale Flugblätter ein, verlegte er Langston Hughes, Leon Uris, einen Band "Gedichte gegen den Krieg" und die schöne Reihe "Kindlers Bildbiographien", dann Willy Brandt und Anna Freud.