Moskau

Zur Chefsache erklären Staatsführer gewichtige Probleme, die sie schnell lösen möchten. Zur Last werden Chefsachen, wenn die Chefs sie nicht klären können. Darunter leiden die regelmäßigen Treffen des Bundeskanzlers mit dem russischen Präsidenten. Wenn Helmut Kohl und Boris Jelzin an diesem Sonntag auf dem Landsitz Sawidowo bei Moskau zusammentreffen, wird der Kanzler wieder über die "Sache" reden, die Beutekunst. Parlamentarier und Journalisten werden fragen, ob Jelzin ein Geschenk übergeben hat: etwa ein antiquarisches Buch oder gar ein wertvolles, vergilbtes Manuskript? Doch ein Kompromiß über die vor fünfzig Jahren nach Rußland verschleppten deutschen Kulturgüter ist nicht zu erwarten.

Das Tauziehen um die Beutekunst hat die wirklichen Chefsachen der deutsch-russischen Beziehungen aus dem Blick geraten lassen. Die beiden Länder entfernen sich voneinander, während Kohl und Jelzin ihre Männerfreundschaft pflegen. Man kennt sich, man klopft sich auf die Schultern, man legt die Krawatten ab - und redet aneinander vorbei. So geschah es beim letzten Zweiergipfel in Baden-Baden Mitte April. Zum 75.

Jahrestag des Abkommens von Rapallo öffnete Jelzin die Arme weit und schlug den Deutschen eine strategische Partnerschaft vor. Kohl wich zurück und ließ wissen, er wolle nicht den "Dolmetscher" zwischen Rußland und dem Westen spielen.

Seither mehren sich in Moskau die Stimmen, die sich lacrimoso über deutsche Kleinmütigkeit beschweren. Weder bei der Nato-Osterweiterung habe die Bundesrepublik den Russen geholfen noch bei der Öffnung des europäischen Marktes (vor allem im Rüstungssektor). Deutsche Medien malten ein düsteres Bild von Rußland als Exportnation von Mafiosi, Spionen und anderen Dunkelmännern. Deutsche Unternehmen geizten mit Investitionen in Rußland.

"Vom Geist der Ostpolitik ist nichts mehr übriggeblieben", notiert ein Berater Jelzins im Kreml. "Was ist los mit den Deutschen?"

Der Blick der Russen auf Bonn verändert sich. Das neue Modell Deutschland, demzufolge bei Rekordarbeitslosigkeit, Rentenkrise und Steuerausfall jegliche Reform auf die nächste Generation zu verschieben sei, wirkt selbst auf Reformkritiker in Rußland wenig attraktiv. Auch außenpolitisch erscheint Bonn richtungslos. Zu Beginn der neunziger Jahre konnten die Deutschen außenpolitische Konzepte wenigstens noch durch großzügige Schecks ersetzen.