Es wird eben in der Stille viel mehr philosophiert, als die Philosophen vom Fach sich träumen lassen, und dies wildwachsende Philosophieren ist nichts anderes als ein sich durch Nachdenken in der Welt orientieren wollen."

Was der Philosoph J. J. Baumann im 19. Jahrhundert bemerkte, ist dieser Tage auch dem Düsseldorfer Rechtsanwalt Ulrich Teich aufgefallen. Und wenn die Beobachtung richtig ist, dann herrscht im Lande derzeit großes Bedürfnis nach Orientierung. "Das war unglaublich", staunt Initiator Ulrich Teich, denkt er an den Andrang zum ersten deutschen "Café Philosophique" kürzlich in Düsseldorf.

Vielleicht war es die vielversprechende Einladungskarte: eine Glühbirne mit einem reichen Strahlenkranz - das verheißt Erleuchtung. Der Erfolg des Philosophie-Bestsellers "Sophies Welt", die Popularität des "Café Philo" in Frankreich - Ulrich Teich sieht darin Indizien für eine Welle neuer Geistigkeit. Aber gleich 200 Leute?

Auch heute, zur zweiten Sitzung, drängeln die Menschen in Mengen in den "Malkasten". Der ist Restaurant, Café und Disco in einem, ein Haus mit "reicher kultureller Tradition", rühmt Ulrich Teich, wie geschaffen für den philosophischen Nachmittag. Enthusiastisch beschwört er den Geist der Brüder Jacobi herauf, die hier vor 200 Jahren lebten und nachdachten. Philosophie sei ja ein seltenes Gut in Düsseldorf.

Das war vielleicht mal so. Heute scheint die rheinische Konsummetropole von Hobby-Philosophen zu strotzen. An diesem Sonntag nachmittag haben sie ihr kollektives Coming-out, wollen sokratischöffentlich über die wirklich wichtigen Fragen des Lebens plauschen. Die meisten haben sich zu diesem Anlaß im ortsüblichen Maße aufgebrezelt: Blazer, Perlen ... Denken ist schick.

Bevor die Köpfe zu qualmen beginnen, mahnt Rechtsanwalt Teich: "Bitte denken Sie daran, daß das hier ein Restaurant ist." Die erste Veranstaltung blieb im "Malkasten" in unguter Erinnerung, weil die Gäste vor lauter Geistesarbeit vergessen hatten, ihre Rechnungen zu begleichen.

Dann präsentiert Teich seinen Stargast: Marc Sautet, den Urvater der neuen Lust am Denken. Der Fünfzigjährige trägt schwarze Motorradjacke, Jeans, graues Hemd. Die Stirn ist großzügig mit Falten gegittert. Seinen Denkfeldzug hat der Nietzsche-Spezialist und ehemalige Dozent am Pariser Institut d' Etudes Politiques vor fünf Jahren gestartet. Was als Gesprächsrunde in einer Kneipe in der Nähe der Place de la Bastille begann, ist zu einer beispiellosen Bewegung geworden. Das "Café Philo" hat, so schnell wie sonst nur Burger-Ketten, ein Netz um den Globus gespannt. Allein achtzig dieser Cafés gibt es schon in Frankreich, dazu Filialen von Hawaii bis Tokio.