Kairo

Die ägyptischen Zeitungen überbieten sich mit touristischen Erfolgsmeldungen.

"Das Leben geht weiter", heißt es etwa in Al-Ahram: "Gestern sind wieder sieben Reisegruppen und 4000 Touristen in Ägypten eingetroffen." Doch solcher Zweckoptimismus ändert an den Tatsachen nichts: Seit dem Anschlag von Luxor, bei dem am Montag voriger Woche 58 Touristen starben, befindet sich die hiesige Tourismus-Industrie, die wichtigste Einnahmequelle des Landes, im freien Fall. Die Stornierungen ausländischer Reiseveranstalter schlagen spätestens Mitte Dezember voll durch: Die Auslastungsquote der Kairoer Hotels zum Beispiel liegt dann nur noch bei dreißig bis vierzig Prozent, das ist weniger als die Hälfte des Vorjahres. Der zu befürchtende Einnahmeverlust könnte in den nächsten zwei Jahren einen hohen dreistelligen Millionenbetrag erreichen. Noch ein Anschlag, und der Tourismus spielt in Ägypten als Wirtschaftsfaktor auf absehbare Zeit keine Rolle mehr.

Die Gewalt dürfte andauern, solange die Regierung Mubarak nicht ihre Strategie ändert. "Seit 1974, dem ersten Anschlag islamistischer Terroristen, verläuft die Gewalt in Ägypten zyklisch", sagt Saad ad-Din Ibrahim, Professor für Politologie an der Amerikanischen Universität Kairo. "Auf den Terror der Islamisten folgen staatliche Repression und einige Jahre relativer Ruhe, dann kommt es erneut zur Explosion. 1981 das Attentat auf Sadat, 1990 die Ermordung des Parlamentssprechers und jetzt Luxor." Die Mehrheit der Ägypter befürworte ein hartes Vorgehen gegen die Terroristen. Allerdings verfolge die Regierung nicht nur Gewalttäter, sondern islamische Bewegungen insgesamt.

"Diese Strategie ist gefährlich", sagt Saad ad-Din Ibrahim, "weil sie Märtyrer schafft und die Augen verschließt vor den sozialen und politischen Problemen des Landes, die sich im islamischen Fundamentalismus ventilieren."

Zu diesen Problemen gehört eine Analphabetenquote von sechzig Prozent, die in Oberägypten stellenweise sogar neunzig Prozent erreicht. Die Bevölkerung südlich von Kairo spielt in der Wahrnehmung der herrschenden Elite nur eine untergeordnete Rolle. Der Staat verläßt sich in Oberägypten, wo der islamische Fundamentalismus die größte Gewaltbereitschaft zeigt, noch immer auf traditionelle Machtstrukturen: den Kauf von Loyalitäten durch Zuwendungen an Stammes- und Clanführer. Allein in Luxor und Assuan hat es in den vergangenen hundert Jahren durch den Tourismus Ansätze zu einer gesellschaftlichen Modernisierung gegeben ansonsten herrscht Rückständigkeit. Arbeit findet sich, wenn überhaupt, in der 12-Millionen-Metropole Kairo - ein Magnet für Armutsflüchtlinge aus Oberägypten, die sich in der Hauptstadt als Tagelöhner durchschlagen. Der Staat hat ihnen nichts zu bieten: weder eine ernstzunehmende Ausbildung noch Sozialleistungen, kaum dauerhafte Jobs und noch weniger Perspektiven.

Zugleich ist die Spitze der sozialen Pyramide weitgehend identisch mit der politischen Klasse. Etwa die Hälfte des ägyptischen Bruttosozialprodukts erwirtschaftet der öffentliche Sektor. Die Hauptprofiteure sind etwa 5000 Ägypter, die das Management der staatlichen Unternehmen kontrollieren und gemeinsam mit der technisch-politischen Elite des Landes den Gewinn abschöpfen. Es liegt auf der Hand, daß unter solchen Bedingungen Korruption und Selbstbereicherung gedeihen und sich der Staat nur auf seine unmittelbaren Nutznießer stützen kann. So erhielt Hosni Mubarak beim Präsidentschaftsreferendum im vorigen Jahr zwar 93 Prozent der Stimmen - die Wahlbeteiligung allerdings lag unter 15 Prozent.