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Die "stillen Inspektoren" der Vereinten Nationen hätten während der vergangenen sechs Jahre im Irak mehr Massenvernichtungswaffen zerstört als "der gesamte Golfkrieg". So sieht es der amerikanische Präsident. Weil nur er das irakische Problem mit militärischer Gewalt angehen könnte, läßt seine Feststellung hoffen. Nicht "chirurgische Schnitte" mit Hilfe von Cruise Missiles und B1-Bombern müßten deshalb Bill Clintons Devise sein, sondern Vertrauen in die Detektivarbeit der UN-Spezialisten. Aber wird er für deren langwieriges Suchen die nötige Geduld aufbringen?

Nachdem Saddam den internationalen Rüstungskontrolleuren die Rückkehr in sein Land gestattet hat, scheint es, als bliebe trotz der amerikanischen Armada im Golf die Option einer friedlichen Lösung des Irak-Problems erhalten. Doch im Nervenkrieg zwischen Amerika und dem irakischen Diktator spielt nun eine dritte Kraft mit. Rußland hat mit seinem Einwirken auf Bagdad, das die Wiederaufnahme der Kontrollen ermöglichte, ein gewichtiges Mitspracherecht erworben. Es ist nicht anzunehmen, daß Moskau sein neugefundenes Gewicht immer auf die amerikanische Waagschale legen wird.

Ohnehin schwindet die politische Unterstützung für die Domestizierung des Irak. Im UN-Sicherheitsrat drängen neben Rußland auch Frankreich und China auf einen verbindlichen Termin für die Beendigung der Sanktionen gegen Bagdad. Die arabische Anti-Saddam-Front von einst ist längst zerbröckelt.

Länder wie Ägypten und Syrien, die in der Golfkriegskoalition gegen den irakischen Aggressor standen, nehmen wieder Kontakte mit dem Diktator auf.

Als Amerikas Verbündete hatten sie zur Belohnung einen verstärkten Druck auf Israel erhofft. Doch nach der vorübergehenden Entspannungsphase im Nahen Osten zeigt sich nun, daß Washington keinen Hebel hat (oder ihn nicht benutzt), um Premierminister Netanjahu wieder auf Friedenskurs zu zwingen.

Das politische Umfeld der Irak-Krise ändert sich also zugunsten Saddams, obwohl er eine Bedrohung bleibt. Selbst wenn die amerikanischen Befürchtungen übertrieben sein sollten, besteht Anlaß zu weiteren Suchaktionen: Die UN-Sonderkommission (Unscom) hält zwar die irakischen Nuklearwaffen- und Raketenarsenale für weitgehend neutralisiert. Aber die Fachleute der Uno sind überzeugt, daß der Irak noch Nervengas, bakteriologische Waffen und sogar einige Scud-Raketen versteckt, über die er schon während des Golfkrieges verfügte.

Gerade chemische und biologische Waffen lassen sich auf kleinstem Raum produzieren und verbergen. Deshalb mag die Forderung von Unscom einleuchten, nun auch Präsidentenpaläste, Geheimdienstzentralen und Hauptquartiere der Republikanischen Garde zu durchsuchen. Zunächst einmal aber wird der erweiterte Forderungskatalog neue Spannungen provozieren, weil sich der Irak auf den Schutz seiner nationalen Souveränität und Würde beruft.

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Ohnehin ist die vollständige Beseitigung der irakischen Gefahr eine Illusion.

Ziel der UN-Inspektionen kann nur sein, Saddams Waffenvorräte so zu dezimieren, daß aus ihnen keine unmittelbare Bedrohung für andere Länder, zumal Israel, erwächst. Daran kann kein Land mehr Interesse haben als die Bundesrepublik.

Noch heute laufen hierzulande Prozesse gegen Manager, die Saddam mit Blaupausen und Material beim Aufbau seines Vernichtungspotentials geholfen haben. Wenn Deutschland neben der alten nicht noch neue Schuld auf sich laden soll, muß es an der Fortsetzung der Unscom-Mission interessiert sein.

Schwierig genug wird sie ohnehin, denn es ist ungewiß, ob der amerikanische Präsident genügend Geduld und Geschick besitzt, um eine dreifältige Aufgabe zu meistern: Saddam in Schach, den Sicherheitsrat bei der Stange und die US-Streitmacht trotz öffentlichen Drucks unter Verschluß zu halten.