Welch ein gütiges Geschenk, das uns die kaltblütigen Zeitungsverleger gemacht haben denn es ist ihnen gelungen, die Journalisten in den Streik zu treiben - nein, beileibe nicht alle, das ist hierzulande nicht üblich, aber an die tausend Redakteure an vierzig Zeitungen waren es schon, die für die angemessene Erhöhung ihres Gehaltes gestritten haben - genug jedenfalls, um die Leser es merken zu lassen. Welch ein Glück! Wie sonst hätte ihr Publikum je etwas vom Zauber des Winzigen erfahren, und das ausgerechnet in Photographien, die sonst nicht groß genug gedruckt sein können. Und so sah man, zum Beispiel in der Frankfurter Rundschau vom 21. November, lauter kleine, paßbildgroße Bilder, um sie herum das weiß gebliebene Zeitungspapier, das uns enthüllte, wie groß sie eigentlich hätten sein sollen, nicht aber hatten werden können. Warum? Nein, eben nicht weil die Zeitungscomputer "abgestürzt" wären oder irgendwer etwas sabotiert oder falsch gemacht hätte, sondern weil der Streik es so gefügt hatte. Welche Wirkung! Nie, dachte man, war die photographische Botschaft eindringlicher vermittelt worden als hier, nie saugte sich der Blick so fest, nie tasteten die Augen die Bilder so wißbegierig ab wie hier, kurzum: nie haben Photographien in der Zeitung die Aufmerksamkeit so aufgewirbelt wie an diesem Tag des Journalistenstreiks. Es war wie auf einer der bewegenden photokina-Ausstellungen, lange her. Dort gab es einmal Originalabzüge eines Altmeisters zu sehen, zehn mal fünfzehn oder auch nur neun mal neun Zentimeter groß, rings von viel Weiß umgeben sie nötigten die Betrachter, ganz nahe zu treten und genau hinzuschauen. Nebenan wurde irgendein Weltstar in gut ein mal anderthalb Meter großen Riesenformaten präsentiert man mußte sich, um sie zu erkennen, weit von ihnen entfernen. Ihr Merkmal war die schreiend plakative Größe, das der kleinen Photos ihre Intensität. Aber das wisse man doch? Schon - nur bringt einen der Streik nun auf den Gedanken, dabei zu bleiben, beim Kleinen. Oder wieder zu streiken.