Die Zukunft der Arbeit, sagt der Herr von BMW, sieht, auf unser Unternehmen bezogen, folgendermaßen aus: Er zeichnet, beginnend bei 1970, eine abfallende Linie, die um das Jahr 2000 bei Null endet. So ist das natürlich übertrieben, und so können wir das auch in der Öffentlichkeit nicht darstellen, fügt er hinzu. Aber die Produktivität steigt in einem Ausmaß, daß wir mit immer weniger Arbeit immer mehr Autos herstellen können. Um den Beschäftigungsstand auch nur zu halten, müssen die Märkte enorm expandieren. Nur wenn wir in alle Winkel der Welt BMWs verkaufen, besteht überhaupt eine Chance, die vorhandenen Arbeitsplätze zu sichern.

Wir müssen uns endlich reinen Wein einschenken: Es gibt kein Zurück zur Vollbeschäftigung. Die Unternehmen brauchen nur einen Bruchteil der Jobs, um ein Vielfaches herzustellen. Zugleich haben wir - was oft vergessen wird - immer mehr Arbeitswillige, Arbeitssuchende. Frauen, Jugendliche, Studenten, sogar Rentner drängen in die Erwerbsarbeit. Das Zusammentreffen beider Großtrends - Erwerbsarbeit wird produktiver, schrumpft und wird vielstimmiger nachgefragt - macht das grundsätzliche Dilemma einer Gesellschaft aus, in der bezahlte Arbeit, und nur diese, das Nadelöhr ist, um alles, was sie verspricht, zu erreichen: Wohlstand, soziale Sicherheit, Ansehen und Identität.

Wer in dieser Situation der Ungewißheit ("Zweite Moderne") nur auf ein Dienstleistungswunder setzt, um die Fiktion der Vollbeschäftigung zu retten, handelt grob fahrlässig, egal, ob er in Wissenschaft, Politik oder Wirtschaft Verantwortung trägt. Gewiß, niemand kennt die Zukunft, und es muß alles getan werden, damit möglichst viele neue Arbeitsplätze entstehen. Zugleich müssen wir uns aber auch endlich der Wirklichkeit, das heißt der Frage stellen: Was beginnt jenseits der Erwerbsarbeit? Meine Antwort: Wenn es gutgeht und wir es wollen - Bürgerarbeit. Das hieße, die Chance der Krise ergreifen.

Bürgerarbeit meint: Nichtmarktgängige, gemeinwohlorientierte Tätigkeitsfelder können und müssen erschlossen und zu einem neuen, sozial verführerischen Zentrum gesellschaftlicher Aktivität gebündelt werden. Warum nicht Themen wie Bildung, Umwelt, Gesundheit, Sterbehilfe, Betreuung von Obdachlosen, Asylbewerbern, Lernschwachen sowie Kunst und Kultur zum Gegenstand selbstorganisierter, grundfinanzierter Bürgerarbeit unter der Regie eines "Gemeinwohlunternehmers" machen? Was könnte schiefgehen? Am Ende könnte Bürgerarbeit dann Städte bewohnbarer, die aufgewandte Energie effizienter, die Kultur bunter, die Demokratie lebendiger machen. Ist es nicht lächerlich, daß die Wohlfahrtsstaaten Europas massenhafte Arbeitslosigkeit, die unfreiwillige Untätigkeit mehrerer Millionen Menschen mit Milliardenbeträgen finanzieren - und diese Zahlungen sogar an das Versprechen der Untätigkeit knüpfen! -, während allen Bürgern notwendige und sinnvolle Zukunftsaufgaben auf den Nägeln brennen, die niemand aufgreift?

Zugleich ist Bürgerarbeit nicht mehr nur Arbeit, sondern auch schon Nichtarbeit, nämlich gemeinsames politisches Handeln. Bürgerarbeit ist sozusagen eine dosierte Entzugstherapie für die arbeitsdrogenabhängige Gesellschaft. Denn hier wird im fließenden Übergang auch Nichtarbeit in Gestalt von freiem politischem Handeln ein- und ausgeübt.

Es geht also nicht nur um Beschäftigungstherapie für Arbeitslose. Es geht vor allem um den Ausbau einer engagierten Bürgergesellschaft, die sich um öffentliche Angelegenheiten kümmert und mit ihren Initiativen das Gemeinwesen belebt. Dem Schreckgespenst der Arbeitsgesellschaft ohne Arbeit soll eine Vision entgegengestellt werden, die das, was im ungebrochenen Paradigma der Vollerwerbsgesellschaft als "Krise" und "Katastrophe" erscheint, als historische Chance begreift und nutzt, gemäß dem Motto: Bürgerengagement statt Arbeitslosigkeit finanzieren!