Die blaue Farbe auf dem Leitwerk des dreistrahligen Passagierflugzeugs mit dem Kennzeichen UN 85780 ist ausgebleicht. Die Reifen zeigen Risse, einige sind abgewetzt bis auf das Gewebe der Karkasse. Am rechten Flügel hat irgendwer irgendwann zwei Reparaturbleche aufgenietet "die Ausführung läßt auf eingeschränkte Möglichkeiten schließen", notierte ein Gutachter, der den Wert der Maschine ermitteln sollte. Auf der verkratzten Tür kleben, klein wie Busfahrscheine, zwei orange-weiße Marken: "Pfandsiegel" steht darauf. Seit dem 14. März wird die Tupolew 154M der Kazachstan Airlines auf dem Flughafen Hannover festgehalten am 12. November sollte sie versteigert werden.

Behörden beschlagnahmen ausländisches Flugzeug, um es zu Geld zu machen - der Besatzung der Tupolew mußte das bekannt vorkommen schließlich besteht die Flotte der kasachischen Passagiermaschinen zum großen Teil aus Flugzeugen der Aeroflot, die sich beim Zerfall des Sowjetreichs gerade in Mittelasien befanden und kurzerhand konfisziert wurden. Wer sich allerdings mit den Hintergründen der Flugzeugpfändung in Hannover befaßt, kann leicht den Eindruck gewinnen, daß es in Deutschland auch nicht wesentlich anders zugeht.

Man könnte geradezu sagen, die Kazachstan Airlines sei Opfer kasachischer Praktiken geworden.

Inzwischen hat die Fluggesellschaft der Bundesrepublik rund 1,4 Millionen Mark Lösegeld gezahlt, aber ihr Flugzeug liegt weiter in Hannover an der Kette: Die Deutschen wollen mehr Geld, mindestens noch mal eine halbe Million.

Es paßt ins Bild, daß die örtlichen Medien, gelinde gesagt, einseitig berichteten. Tenor: Westlicher Rechtsstaat läßt sich asiatische Schlamperei nicht länger bieten. Die Kazachstan Airlines, meldete die Deutsche Presse-Agentur, habe "Gebühren für die Rückführung von ihr nach Deutschland geflogener Scheinasylanten nicht beglichen". Bei der Grenzschutzdirektion in Koblenz, die das Verfahren betrieben hatte, sind weitere Details zu erfahren.

Etwa "360 Asylbewerber" seien seit 1994 aus Mittel- und Südostasien mit der kasachischen Gesellschaft nach Deutschland gekommen, sagt ein Sprecher. Für ihren Rücktransport verlange die Bundesrepublik rund eine Million Mark.

Wer sich auf dem Flughafen Hannover umhört, erfährt etwas anderes. Es gehe nicht um Flüchtlinge, sondern um Reisende ohne Paß oder Visum, sagt Ernst Ströhmer, Dienststellenleiter des Bundesgrenzschutzes - verirrte Touristen und vergeßliche Geschäftsleute, wie es sie überall gibt. Nur eine kleine Minderheit der kasachischen Passagiere ohne gültige Papiere beantrage Asyl, erläutert der BGS-Mann. Alle übrigen läßt der Bundesgrenzschutz gar nicht erst einreisen: Sie werden sofort wieder ins Flugzeug gesetzt und verursachen den deutschen Behörden daher keine Kosten. Dennoch, sagt Ströhmer, stelle die Bundesrepublik der Kazachstan Airlines für jeden Passagier ohne Reisepapiere 3000 Mark in Rechnung: "als Sanktion".